Auf dem Abstellgleis: Vom Kampf mit den Floskeln


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Wirklich so leicht zu verwechseln? Das ist eine Welle, die auf ein Land zurollt...(Foto: DPA)

Wirklich so leicht zu verwechseln? Das ist eine Welle, die auf ein Land zurollt… (Foto: DPA)

Wer kennt das nicht: Endlich gibt der Chef grünes Licht für ein Projekt, an dem man schon im Vorfeld fieberhaft gearbeitet hatte. Zeitnah soll es jetzt aber bitteschön fertig werden. Sonst könnte bald der eigene Stuhl wackeln, an dem übrigens eh schon viel zu lange gesägt wurde, was wiederum das Personalkarussell in Bewegung setzen würde. Womit nur noch zu hoffen bleibt, dass die Geschäftsführung ordentlich Geld in die Hand nimmt und ein paar dicke Abfindungspakete schnürt. Sonst könnte die Lage eskalieren und in einer menschlichen Katastrophe enden. Der Schock jedenfalls sitzt tief, denn ob es wirklich einen Notfallfahrplan geben wird, war zunächst unklar. Fakt ist: Eine Entlassungswelle steht wohl vor der Tür und drängt sich dort dicht an dicht mit sämtlichen Feiertagen, Wahlen und Wirtschaftskrisen.

Okay, zugegeben, es reicht. Ein schlimmer Text, oder? Artikel voller Floskeln und abgedroschener Sprachbilder so wie dieser, sind der Horror eines jeden Journalisten. Gut gemeint und trotzdem schwer verdaulich, so wie die extra Portion Zwiebeln beim Kebab des Vertrauens. Und doch ist jede Zeitung, jede Nachrichtensendung und jeder Rundfunkbeitrag täglich voll davon. An dieser Stelle deshalb auch noch einen augenzwinkernden Gruß an die wenigen Polizeibeamten, die sich von Juni Hubers Text letzte Woche doch tatsächlich angegriffen fühlten. Denn im Gegensatz zu den oftmals etwas holprigen Pressemitteilungen der bemühten Beamten sind die Leser unserer Texte eben keine Redakteure, deren Job es sowieso ist, verklausulierte Artikel leserlich und verständlich zu machen. Uns lesen Menschen, die in ihrem Alltag mal mehr, mal weniger Zeit haben, sich mit einer Nachricht eingehender zu beschäftigen. Es gilt also, klar, verständlich, eindeutig und vor allem nicht wertend zu schreiben – das lernt jeder Volontär am ersten Tag.

Denn Floskeln, ausgelutschte Bilder und sprachliche Klischees sind viel zu oft Transporteure von gedanklichen Klischees, die man durch ihre Verwendung einfach übernimmt. Ob sich Wolfgang Schäuble wohl wirklich „an den Rollstuhl gefesselt“ fühlt? Man müsste ihn jedenfalls erstmal fragen, sonst bleibt dieser Ausdruck nichts anderes als eine bloße Unterstellung, in der sich falsches Mitleid mit Unwissen paart. Und wie soll man in einer reinen Nachricht über die Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland schreiben?

...und das sind Flüchtlinge, die nach Europa wollen. (Foto. DPA)

…und das sind Flüchtlinge, die nach Europa wollen. (Foto. DPA)

„Flüchtlingswelle/Flüchtlingskrise/Flüchtlingsansturm“ liest man täglich in den Agenturmeldungen, obwohl diese Ausdrücke doch eine eindeutig (negative) Bewertung der Ereignisse darstellen. Oder der harmlos daherkommende „Asylgegner“, der verlockend nach bürgerschaftlich-demokratischem Aktivismus klingt. Man vergleiche nur „Stuttgart21-Gegner“.  Natürlich kann man gegen die konkrete Politik der Bundesregierung in Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen sein. Gegner von Asyl zu sein, hieße aber gegen das Grundrecht auf Asyl zu sein, und das immerhin ist im Grundgesetz verankert.

Andere journalistische Floskeln wie die im Einstiegstext sind da etwas harmloser. Im schlimmsten Falle dramatisieren sie unnötig stark, im besten Falle sind sie einfach nur schiefe und vollkommen ausgelutschte Redewendungen, die im tatsächlichen Sprachgebrauch außerhalb von journalistischen Texten (und vielleicht noch Politiker-Reden) so gut wie gar nicht existieren. „Brutaler Mord“ (welcher ist das nicht?), „schwere Verwüstung“ (wer kennt sie nicht, die subtilen und leichten Verwüstungen?) oder „Todeskandidat“ (er wird wohl kaum freiwillig kandidiert haben) sind Beispiele für erstere Kategorie. In die zweite fallen Ausdrücke wie „Weichen stellen“, „schmerzhafte Einschnitte“, „an einem Strang ziehen“, „absegnen“ oder „Abstellgleis“. Dahin sollten in einer idealen Welt auch die meisten dieser Bilder abgeschoben werden.

Als Volontär, also Redakteur in Ausbildung, denkt man viel über solche sprachlichen (Achtung!) Stolperfallen nach. Denn schließlich haben wir uns für einen Beruf entschieden, der in der öffentlichen Kritik steht wie nie zuvor und uns damit in ein Boot mit Politikern und Lehrern setzt, obwohl wir mit denen nie etwas gemein haben wollten. Uns wird Parteilichkeit vorgeworfen, Vertuschung, Lügen. Dass diese Anschuldigungen oftmals rein polemischer Natur sind und manche Kritiker nicht einmal zwischen sachlichen Textformen wie der Nachricht und gewollt subjektiven Stilformen wie Kommentar, Glosse oder Rezension unterscheiden können (oder wollen) – geschenkt. Der Vorwurf, man würde mit seinen Nachrichten Meinungsmache betreiben, schwirrt nun mal beharrlich vor allem durch die sozialen Netzwerke. Das setzt einen als Berufsanfänger im Nachrichtengeschäft manchmal ganz schön unter Druck, jedes der eigenen Wörter hundertfach hin- und herzudrehen und immer wieder auszutauschen. Der Shitstorm ist immer nur ein falsches Wort entfernt. Aber das ist im Endeffekt ja auch nur gut so. Denn so lernen wir, was zumindest im Nachrichtenjournalismus immer noch das höchste Gut ist: die bestmögliche Wertneutralität in unseren Texten zu erreichen. Wenn wir uns aber trotzdem mal wieder scheinbar alternativlos aus dem Fenster lehnen und erdrutschartige Durchmarschsiege beschwören – sehen Sie es uns nach. Wir arbeiten mit Hochdruck dran.

 

Ein Gedanke zu „Auf dem Abstellgleis: Vom Kampf mit den Floskeln

  1. Krabbler

    Ich freue mich jeden Montag auf die „Frankfurter Börsen-Info“, in der ich wieder einmal alles über die Sommer-Rallye auf dem Börsenparkett lesen darf, in der ich informiert werde, ob die EZB gerade an der Zinsschraube dreht oder doch eher die Geldschleusen öffnet. In letzterem Fall gibt es dann eine Geldschwemme, die mit frischem Wind den DAX beim Klettern beflügelt und ihn die X-Punkte-Marke knacken lässt.
    Ist großartige Comedy.

    (Dieser Kommentar ist weder Ironie noch Kritik – Ich lese das wirklch gerne!)

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