Blitzlichter am Landgericht


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FT, Landgericht, Prozess Baby

Beim ersten Verhandlungstag im Frankenthaler Babymord-Prozess: RHEINPFALZ-Redakteur Christoph Hämmelmann und die Volontärin Sara Brunn. Foto: Bolte

10. November, erster Verhandlungstag im Babymord-Prozess vor dem Frankenthaler Landgericht, Sitzungssaal 20:

Ich selbst sitze als RHEINPFALZ-Volontärin mit gut einem Dutzend Journalisten in der ersten Reihe. Zuvor hat mich mein Weg erst ein einziges Mal vor Gericht geführt. Nicht als Prozessbeteiligte, sondern in rein beruflichem Auftrag. Die rund einstündige Verhandlung von damals mit den Worten „unspektakulär“ und „alltäglich“ zu beschreiben, wäre fast schon eine Übertreibung. Angeklagt war vor dem Pirmasenser Amtsgericht ein junger Mann, der auf einem Dorffest einen anderen verprügelt haben sollte. Das hier in Frankenthal ist etwas Anderes.

Der Angeklagte soll in der Pfingstnacht dieses Jahres seine eigene, erst zwei Monate alte Tochter vom Balkon geworfen und so ermordet haben. Viele Menschen interessieren sich für diesen Prozess. Insbesondere viele Reporter, mit und ohne Mikrofon, mit und ohne Kamera. In jedem Fall aber ohne Handy. Das liegt versiegelt im Plastikbeutel vor dem Sitzungssaal. Niemand soll den Angeklagten heimlich fotografieren können. Verboten sind auch Gegenstände, die als Wurfgeschosse eingesetzt werden könnten. Dazu zählen sogar Haarbürsten, ließ das Landgericht im Vorfeld wissen. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, sind wir von der Südwest-Redaktion gleich zu zweit nach Frankenthal gefahren. Mein Kollege Christoph Hämmelmann und ich kommen aber beide problemlos in den Saal.

Die Kontrolle, das Abtasten der Zuschauer – alles läuft in Ruhe ab. Und auch im Saal herrscht vor Verhandlungsbeginn vor allem eines: Schweigen. Außer den Journalisten redet kaum jemand, nur selten wird getuschelt.

Gewusel, Geschiebe und Gedränge: Als der gefesselte Angeklagte von zwei Wachtmeistern in den Saal geführt wird, zieht die Medien-Meute einige Meter weiter nach links, hält auf den 32-Jährigen. Der verbirgt sein Gesicht hinter einem blauen Schnellhefter, zu sehen bleiben erst mal nur seine gefesselten Hände und seine schwarze Kleidung. Mit Verhandlungsbeginn heißt es endgültig: „Keine Kameras, keine Handys, keine Bild- und Tonaufnahmen aus der Verhandlung.“

Die ist nach rund 15 Minuten schon wieder vorbei. Gewusel, Geschiebe und Gedränge, Teil zwei: Zeitungsjournalisten, Kameraleute und Radioreporter ballen sich vor dem Gerichtssaal. Vielleicht fällt ein guter O-Ton ab. Auskunft geben Angehörige und Nahestehende der Mutter des toten Kindes. Ob sie etwas gesehen hätten in der Tatnacht? Wie sie von der schrecklichen Tat erfahren haben? Ob sie haben helfen können? Für mich stellen sich bei diesem Anblick gleich mehrere Fragen: Ab wann wird die eigene Berichterstattung unseriös? Wann ist die Suche nach einem weiteren grausigen Detail nur noch Sensationslust? Sollten Angehörige das Bad im Blitzlicht suchen und diese Gier befeuern?

Eine Antwort darauf habe ich in Frankenthal nicht bekommen. Muss letztlich jeder für sich entscheiden. Heute, am 28. November geht der Prozess weiter. Was die Beweisaufnahme erbringt, lesen Sie am Dienstag in der RHEINPFALZ.

 

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