Brüssel sehen… und plaudern


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Essen, reden, reden, reden, schlafen. So eine Pressereise für Volontäre zu den EU-Institutionen in Brüssel hat ein straffes Programm und lässt wenig Verschnaufpausen. Alle möglichen Themen rauschen in zweieinhalb Tagen an einem vorbei. Schwer, da mitzukommen.

Sieben bis neun Programmpunkte stehen auf dem Plan – pro Tag. Infos über den EU-Info-Dschungel, Besuch der TV-Studios, die Journalisten kostenlos für Interviews nutzen dürfen, Hintergrundgespräch zu online verbreiteten Fake News, Teilnahme an einer Pressekonferenz im Pressesaal, Klima-Politik nach Trump, ein Gespräch mit dem Verantwortlichen für die EU-Türkei-Beziehungen. Das ist noch nicht mal das ganze Programm eines einzigen Tages.

8 Uhr morgens: Vor dem Gebäude Berlaymont der EU-Kommission. Foto: Heimerl

All diese Informationen zu verarbeiten, die vorbeirauschen, ist nicht einfach. Im Idealfall steckt man in den Themen bereits drin. Vieles ist wichtig, vieles ist interessant. Etwa das Thema einer Pfälzerin, die in der EU-Kommission arbeitet und über Desinformation spricht, also vor allem über im Internet verbreitete Fake News.

Der Herr, der für die EU-Türkei-Beziehungen verantwortlich ist, muss sich von den 25 Nachwuchsjournalisten viele schwierige Fragen stellen lassen. Kritisches Hinterfragen ist durchaus erwünscht. Dazu sind die Journalisten auch da, nicht nur für den kostenlosen Kaffee.

Nach Brüssel telefonieren

Regie-Raum der Fernsehkanäle „EbS“ und „EbS+“ im Berlaymont-Gebäude der EU-Kommission. Die Sender sind zu empfangen über Satellit oder Internetstream. Das Programm gibt es hier (auf Englisch). Foto: Heimerl

Die EU-Kommission lädt regelmäßig Nachwuchsjournalisten ein, sich Parlament und Kommission vor Ort anzuschauen. Das geschieht natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken: Ziel ist es, Journalisten dafür zu sensibilisieren, dass Brüssel kein unerreichbarer Stern in der Galaxie ist, sondern ein greifbarer Ort, an dem Menschen arbeiten, die selbst aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt sind.

Mit der Besonderheit, dass sie hier auf Menschen aus Irland, Luxemburg oder Bulgarien treffen. Es geht bei der Reise darum, uns mitzuteilen, dass dort potentielle Ansprechpartner sitzen, die auch bei lokalen Themen helfen können. Und man will zeigen, welche Möglichkeiten Journalisten theoretisch nutzen können, wenn sie aus Brüssel für Deutschland berichten müssen.

Einigen „EU-Mythen“, so wird uns gesagt, die in den deutschen Medien für Debatten gesorgt haben, wäre schnell die Luft ausgegangen, wenn jemand mal in Brüssel angerufen hätte. Ein Beispiel war die Nachricht, der Leipziger Zoo müsse Muntjaks, Mini-Hirsche, wegen einer EU-Richtlinie töten, da dies eine invasive Art in Europa ist. Die Meldung ging Anfang des Jahres durch verschiedene Medien. Erst als auch ein EU-Sprecher dazu befragt wurde, klärte sich auf, dass die Zoo-Tiere gar nicht getötet werden müssen.

Im Pressesaal der EU-Kommission im Berlaymont-Gebäude.  Jeder Sitz ist mit Mikrofonen und Kopfhörern ausgestattet. Die Mikrofone sind für Journalisten-Fragen. Über die Kopfhörer sind Dolmetscher zu hören, die simultan in andere Sprachen übersetzen. Im Bild rechts oben: Die Boxen der Dolmetscher. Foto: Heimerl

So etwas ärgert die Kommission, da sie dann wieder als Bürokratie-Monster gesehen wird. Auf unserer Reise wird uns gesagt, die ganzen kleinteiligen Verordnungen früherer Zeiten, wie etwa die Regulierung von Lebensmitteln, seien unter der Präsidentschaft von Jean-Claude Juncker kein Thema mehr.

Reden ist Gold

Der Tenor der unterschiedlichen Gesprächspartner in den zwei Tagen ist: Die Arbeit in Brüssel schärft das Bewusstsein, wie wichtig diplomatische Beziehungen sind, selbst wenn die aktuelle Lage schwierig ist. Sei es bei der Frage, ob die EU die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen soll oder bei der Tatsache, dass im EU-Parlament Vertreter verschiedener Parteien in weitaus regerem Austausch untereinander stehen, als das in Berlin der Fall sein soll.

Diese Botschaft soll dann auch hängen bleiben: Auch wenn es Uneinigkeit gebe zwischen den einzelnen EU-Mitgliedern, wie in der Flüchtlingskrise etwa, werde mit den Mitteln der Diplomatie nach und nach doch irgendwann eine Lösung erreicht. Diese Mühlen können allerdings sehr langsam mahlen.

Vor dem EU-Parlament wird an Simone Veil erinnert, nur eine von zwei Frauen, die Präsidentin des EU-Parlaments waren. Auch heute werden im Parlament Frauen teils benachteiligt, wie auf der Reise zu erfahren ist. Foto: Heimerl

Dass die Brüsseler Politik besonders kommunikativ ist, bestätigen die Studioleiter der ARD- und ZDF-Korrespondenzen. Allein die Tatsache, dass das Gespräch mit den beiden während des Mittagessens stattfindet, bestätigt die Atmosphäre hier. Es musste selbst das Mittagessen noch ein eigener Programmpunkt sein, bei dem die Konzentration hoch bleibt. Als Nachwuchs-Journalist saugt man all das auf. Es ist spannend, wenn erfahrene Journalisten aus ihrem Arbeitsalltag in Brüssel sprechen.

Eine Stadt als Randnotiz

Ganz Brüssel ist dann aber doch nicht so kommunikativ. Eine Mitarbeiterin der Organisation erwähnt nach dem Essen, dass es in Brüssel zwar sehr leicht sei, Freunde zu finden unter den vielen internationalen Menschen, die in der Stadt arbeiten. Kontakt zu Belgiern herzustellen, sei hingegen wesentlich schwieriger. Zumindest nach ihren Erfahrungen.

Der Plenarsaal des EU-Parlaments. Die Abgeordneten hier werden von den EU-Bürgern gewählt. 2014 gelang auch dem Satiriker Martin Sonneborn (Die PARTEI) den Einzug ins Parlament. An den Wänden sind die Kabinen für die Live-Dolmetscher zu sehen. Sogar für Gälisch gibt es eine eigene. Foto: Heimerl

Viel Zeit, sich die Stadt anzuschauen und kennen zulernen, bleibt bei diesem Ausflug nicht. Ist ja auch keine Vergnügungsreise. Fast den ganzen Tag verbringt man in den EU-Gebäuden, in denen es sich anfühlt, als wäre man von der Außenwelt abgeschnitten. Die Stadt bleibt nur eine Randnotiz. Ein Spaziergang im Park in der Mittagspause ist eine der wenigen Gelegenheiten, um Luft zu holen.

Dafür nimmt man auch in Kauf, sich wieder in die lange Schlange der Sicherheitskontrollen einzureihen, die hier vergleichbar mit denen an einem Flughafen sind. Dass die Haltestelle, an der wir ausgestiegen sind, um zum Parlament zu gelangen, die Station Maalbeek war, an der vergangenes Jahr bei einem Anschlag Menschen starben: auch nur eine Randnotiz.

Heiliges Urinal

Immerhin: Ein kurzer Ausflug in die Altstadt am Abend ist schon noch drin. Bei all der europäischen Diplomatie hält Brüssel auch überraschend pragmatische Lösungen für den Besucher bereit. Der historische Altstadt-Kern ist durchaus sehenswert und strahlt weitaus mehr Seele aus, als die Gegend um die modernen Gebäude außerhalb, etwa rund um die EU-Kommission.

Mehrere Kirchen stehen in diesem alten Kern Brüssels, so auch die Eglise Sainte Catherine. An ihrer Außenseite sind Urinale installiert. Wohl weil die Leute, die sich dort erleichterten, sich durch nichts haben verscheuchen lassen, habe man entschieden, einfach gleich ein öffentliches Urinal an der Außenwand zu installieren. So zumindest erzählt es jemand beim Vorbeigehen.

Es muss für alle verständlich sein. Hier die Toilettentür eines Restaurants in der Nähe der EU-Kommission.

 
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Stefan Heimerl

Über Stefan Heimerl

Volontär bei der RHEINPFALZ seit September 2016. Im nördlichen Harzvorland geboren, daher zwischen Fachwerkhäusern und Walpurgis-Tourismus aufgewachsen. Studierte Journalistik an der Hochschule Bremen, als das noch möglich war. Kam 2010 begeistert zurück von einem Auslandssemester in Japan und beschloss, einen Master in Japanologie in Frankfurt am Main zu belegen. Blieb dem Journalismus aber treu, sammelte weitere Erfahrungen, und ist hocherfreut, nun als Nachwuchs-Redakteur die Pfalz kennen zu lernen.

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