Das erste Mal Rock am Ring oder: Wie eine Ananas-Allergie das Eis bricht


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Der erste Gedanke am Samstagmorgen: „Ich bin zu alt für sowas.“ Die Knochen tun nach der Nacht auf hartem Campingplatz-Boden weh, der Kopf auch. Ich habe es so gewollt. Und das schon seit langer Zeit. Rock am Ring (RaR) gehörte bei mir nämlich in die Kategorie „Muss ich unbedingt mal gemacht haben“. Als die Rundmail des RHEINPFALZ-Kulturchefs Frank Pommer eintrudelt, wer zum Festival fahren und darüber berichten möchte, fackelte ich nicht lange und sicherte mir den Platz für den Ring.

Grease, High School Musical und Pur

Dass wir nach den Erlebnissen am Freitag schlafen werden wie ein Stein, war ein klassischer Trugschluss. Und das lag nicht einmal an den dünnen Isomatten in unseren Wurfzelten. Während bis drei Uhr Electrobeats (ja, auch die gibt es am Nürburgring) von Vitalic von der Alternastage über das Gelände dröhnen, braucht der Mann im Zelt nebenan scheinbar was zur Beruhigung: „Fields of Gold“ von Sting. Ein paar Meter weiter versuchen sich wenig später zwei Mädels lautstark in einem Song aus dem Film High School Musical. Schlimm genug, dass ich den erkenne. Auf der anderen Seite des Platzes grölen ein paar Jungs den Pur-Hitmix. Gegen 4 Uhr verstummen sie. Schlafen! Jetzt oder nie! Da ertönen von irgendwo her die Stimmen von Olivia Newton John und John Travolta aus Boxen, die von lauen Sommernächten trällern. So richtig still wird es dann erst zwischen 6 und 8 Uhr.

„Das LKA muss Ihre Identität prüfen“

Dabei hätten meine Kollegin Michelle Christin List und ich nach dem ersten Tag durchaus ein bisschen Erholung gebraucht. Gerade im strömenden Regen an der Rennstrecke in der Eifel angekommen, wollen wir uns für das größte Rockfestival Deutschlands akkreditieren, also als Medienvertreter anmelden. Das sollte relativ schnell gehen, denn um 12.30 Uhr steht unser erstes Interview mit der irischen Indie-Pop-Rockband Walking on Cars an. Wir werden hin und her geschickt, bis wir an der vermeintlich richtigen Stelle landen. Ich lege meinen Ausweis vor. „Oh. Da haben wir wohl ein Problem“, sagt der zuständige Mitarbeiter. Wir stehen nicht auf der Liste. Das Landeskriminalamt und wer sonst noch muss laut dem jungen Mann erst mal unsere Identitäten prüfen. „Das kann acht bis zehn Stunden dauern. Möglicherweise noch länger. Wir haben nämlich einen ganzen Parkplatz voller Leute, die darauf warten reinzukommen“, sagt er. Ich sehe mein Interview den Bach runter gehen. Vorsichtshalber fragt er noch mal nach. Seine Kollegin sagt: Alles gut, die Presseleute müssen sich woanders melden. „Sorry für den Schock“, entschuldigt er sich dann angemessen zerknirscht.

Marilyn Mansons Umhang kommt in die Reinigung

Im großen Medienraum angekommen, in dem sich Journalisten aus allen Sparten und verschiedenen Ländern tummeln, richten wir uns kurz ein, bevor wir mit dem Shuttlebus zum Backstagebereich gefahren werden. Der Fahrer vom Produktionsbüro erzählt, dass er noch den Umhang von Marilyn Manson für dessen Auftritt in die Reinigung bringen und wieder abholen muss. Das sollen nicht die einzigen Wünsche der Stars sein.

Über Lebensmittelallergien

Während wir die Ausrüstung für unseren Videodreh richten, machen es sich die Bandmitglieder von Walking on Cars auf der Couch bequem. „Ich mag deine Ananas-Jacke“, sagt Bassist Paul Flannery. Schön, dass ihm mein neues Lieblingsteil auffällt! Ich erkläre, dass ich eine Ananas-Allergie habe und die Ananas statt im Bauch nun eben auf der Jacke habe. „Ich habe eine Fisch-Allergie“, erzählt Sänger Patrick Sheehy. Fischmuster trägt er allerdings keines auf seiner Jacke. Pünktlich zu ihrem Auftritt, den wir von der Tribüne aus sehen, hört es sogar auf zu regnen – was den Rest des Wochenendes so bleiben soll.

„Sch*** Tribühne!“

Apropos Tribüne. Ganz offensichtlich gehört man als Tribünensteher nicht zu den beliebtesten Festivalbesuchern. Wenn mal gerade keine Band auf der Bühne steht, hallt ein inbrünstiges „Sch*** Tribüne“ mit rhythmischem Geklatsche über den Platz vor der größten Bühne, der Volcano-Stage. Ist offenbar nichts Persönliches, das läuft hier immer so, wie uns ein Besucher später erklärt. So oder so wollen wir sehen, wie es unten abgeht. Also rein in die Menge, um 30 Seconds to Mars zu sehen. Weil wir nicht nur die Printausgabe mit Texten beliefern, sondern auch unsere Onlineredaktion mit Facebook und Instagram, muss kurzerhand ein junger Saarländer herhalten, der mich für ein Instagram-Foto auf die Schultern nimmt. „Moment, seid ihr etwa Sch*** Tribüne?“, fragt er, als er unsere pinkfarbenen Bänder am Arm sieht, die uns als Pressevertreter und VIP-Camper outen. „Ääääh …“ Kurzzeitig habe ich Angst, dass er mich fallen lässt. Tut er nicht. Puh!

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Zwischen Alkoholleichen und Müll

Wie wir als blutige Festivalanfänger am nächsten Tag bei unserem Streifzug über steile Hügel auf der Suche nach der coolsten Behausung feststellen, sieht es auf dem General-Campingplatz ein bisschen anders aus als bei uns. Eine riesige Schlange von Menschen steht, bewaffnet mit Zahnputzzeug und Toilettenpapier, vor den Dixieklos. Hier und da liegt eine Alkoholleiche, überall Müll. Dafür steigt hier die richtige Party fernab der Bühnen. Hier hängen Bierdosen als Deko an Seilen. Hier treten findige Festivalbesucher eine Treppe in den vom Regen aufgeweichten Hang. Hier wird Flunky Ball, das ultimative Festivalspiel, gespielt.

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Ein Amerikaner spricht Pfälzisch

Am Sonntag steht dann das Interview mit Tim McIlrath, Sänger der Punkband Rise Against, an. Total entspannt erzählt er, dass er nach Konzerten, während derer er viel schreit, ein „Afterworkout“ für seine Stimme machen muss. Sonst bleiben seine Stimmbänder geschwollen. „Das ist wie beim Sport. Die Stimme ist ja auch ein Muskel, der nach der Anstrengung gedehnt werden will.“ Ein bisschen Anstrengung kostet es ihn auch, vor der Kamera pfälzische Begriffe auszusprechen. Mit „Gellerriewe“ hat er so seine Probleme.

Dave Grohl lässt singen

Unser absoluter Höhepunkt sind die Foo Fighters, auf die ich mich am meisten gefreut habe. Selbst wenn Frontsänger Dave Grohl heiser ist und zwischendurch seinen Schlagzeuger Taylor Hawkings oder das Publikum singen lassen muss und das Konzert wohl deshalb eine Viertelstunde früher endet als auf dem Spielplan steht. Der ultimative Gänsehaut-Moment: als Hawkings und Grohl Plätze tauschen, um „Under Pressure“ von Queen und David Bowie zu spielen. Grohl, Ex-Schlagzeuger von Nirvana, beweist, dass er es auch an den Drums noch immer drauf hat.

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Unser Fazit nach dem Wochenende: Rock am Ring sollte man mal erlebt haben. Zu alt ist man dafür wahrscheinlich nie. Nur vielleicht nehmen wir beim nächsten Mal eine Luftmatratze mit.

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Jennifer Back

Über Jennifer Back

Nach ihrem Volontariat bei der Saarbrücker Zeitung und einem kurzen Ausflug in die Welt der Öffentlichkeitsarbeit zog es Jennifer Back, geboren 1986 in Landau, wieder dahin zurück, wo sie hingehört: in die Pfalz und in den Journalismus. Als Redakteurin arbeitet sie für die RHEINPFALZ-Lokalredaktion Neustadt.

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