Der Bundespräsident und die Presse


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Vergangene Woche war ich auf Dienstreise in Berlin. Unter anderem habe ich am Festakt zum 60. Geburtstag des Deutschen Presserates teilgenommen. Der Presserat ist ein Organ der Selbstkontrolle der deutschen Medien. Sein Kodex ist eine wichtige Orientierungshilfe für journalistische Arbeit und er erspart uns so manche komplizierten Pressegesetze. Bundespräsident Joachim Gauck hielt bei der Feier die Festrede. Es ist bewundernswert, wie sorgfältig Gauck mit der deutschen Sprache umgeht, wie logisch und verständlich er argumentiert und wie präzise seine Wortwahl ist. Unabhängig vom Inhalt seiner Reden ist es meistens ein Genuss, ihm zuhören zu können.

Zur Presse hat Gauck klare Worte gefunden. Ich zitiere:

Ja, Verstöße gegen das Sorgfaltsprinzip kommen vor. Fehler aufzuzeigen und Kritik an der Berichterstattung zu üben, ist nicht nur akzeptabel, sondern erwünscht. Doch wer behauptet, eine fehlerhafte Berichterstattung sei nicht etwa Ausnahme, sondern Regel, nicht Unzulänglichkeit, sondern Vorsatz, der hat vermutlich weniger die Wahrung der Sorgfaltspflicht im Sinn als vielmehr die Bestätigung seiner Überzeugung, dass überall nur gelogen und betrogen werde.

An sich ist das keine neue Erscheinung. Dass nicht die Lüge der gefährlichste Feind der Wahrheit ist, sondern die Überzeugung – diese Erkenntnis Nietzsches ist mindestens so alt wie der feste Glaube mancher, einer Verschwörung fremder Mächte ausgeliefert zu sein. Und auch die Verschwörer sind für die Verschwörungstheoretiker dieselben geblieben – die Hochfinanz, Vertreter anderer Religionen oder Glaubensrichtungen; heute kommen noch Geheimdienste und Militärbündnisse hinzu , seltsam genug, sind sie fast ausschließlich westlicher Provenienz. Und die sogenannten Mainstreammedien, das gehört zur Theorie, sind nur ihre Handlanger, Propagandisten, Kriegstreiber und -profiteure. Skepsis gegenüber den Medien, ja auch eine ausgeprägte Abneigung gegenüber deren Vertretern, sind wahrlich nicht neu. Aber der Effekt, den diese Minderheit der Medien-Verächter in der Öffentlichkeit erzielt, ist es. Und die maßlose Wut, ja der Hass auf die Menschen, sie erschrecken.

Dass es heute so einfach ist wie nie, selbst für die krudesten Überzeugungen Anhänger zu gewinnen, macht den Umgang mit diesem Phänomen noch schwieriger… Die Sozialen Netzwerke und der Umgang mit ihnen haben zweifellos ihren Anteil an dieser Entwicklung. Wer sie nutzt, wählt aus, was er wahrnehmen will, wann und von wem er es lesen oder hören will und schließlich, mit welchem ausgewählten Kreis von sogenannten Freunden er seine Erkenntnisse teilen will. Algorithmen verstärken diesen Effekt. Schließlich entstehen Echoräume, in denen Einzelne oder Gruppen sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnen, während sie – taub für die Außenwelt – ihren eigenen Überzeugungen lauschen, die von den Wänden widerhallen… Wenn es ausreicht, von sich selbst überzeugt zu sein, um erfolgreich inhaltsleeres Geschwätz oder bedeutungsschwangere Falschheiten verbreiten zu können, dann ist eine Verständigung unmöglich geworden.

Man sieht: Joachim Gauck scheut sich nicht, die Kommunikationskultur in den sozialen Netzwerken zu geißeln und die Presse vor ungerechtfertigter Kritik und im Voraus in Schutz zu nehmen. Aber auch uns Journalisten liest der Bundespräsident die Leviten:

Mir scheint, auch in Deutschland waren und sind Journalisten nicht immer davor gefeit, nur in eine Richtung zu schauen, statt in alle möglichen. Die Selbstbefragung der Zunft stellt gerade heraus, dass Journalisten auch bei uns zuweilen versucht waren und sind, in die Echoräume des politischen Gleichklangs zu fliehen und Meinungen, die ihnen nicht behagen, oder die sie nicht teilen, abzuwerten oder sogar zu ignorieren. Und dass es auch in Deutschland nicht so einfach ist, strikt die Grenze einzuhalten zwischen Berichten, Aufklären und Belehren. Das verlangt vom Journalisten eine permanente Selbstprüfung, eine Selbstvergewisserung über die Kriterien der eigenen Arbeit. Ich bin davon überzeugt, die augenblicklichen Debatten dienen dazu, Journalismus in eben diesem Sinne weiter zu verbessern und möglichst sensibel und möglichst fair zu berichten.

Da gibt der Bundespräsident uns Journalisten also einen klaren Auftrag zur Läuterung. Er schließt seine Berliner Rede unter anderem mit Folgendem:

Was dagegen „Lügenpresse“ wirklich bedeutet, das weiß ich. Ich habe es erlebt jahrzehntelang, in der DDR. Wer die Medien heute und hierzulande zur „Lügenpresse“ umdeutet, dem geht es nicht um Diskussion sondern um Denunziation, nicht um Unvoreingenommenheit, sondern um Meinungshoheit.

Die ARD-Tagesschau hat Gaucks Rede auf ihrer Internet-Seite weitgehend zitiert und darüber berichtet. Die Kommentarspalte dazu füllte sich ganz schnell mit Beiträgen von Lesern. Die meisten davon griffen Gauck scharf an, rechtfertigten wahrheitsgewiss den Begriff der „Lügenpresse“ und argumentierten ohne solides Wissen und mit wenig Sachkenntnis. Die Tagesschau-Redaktion hat die Kommentarspalte dann geschlossen. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie oft in den Sozialen Netzwerken, in den Internet-Blogs und den Kommentarspalten für Leser ganz einseitige Meinungen vorherrschen.

 

2 Gedanken zu „Der Bundespräsident und die Presse

  1. Gerd Müller

    Sehr geehrter Herr Garthe,
    ich erlaube mir, Sie auf einen Videobeitrag einer Nonne aus Aleppo aufmerksam zu machen :

    Rt deutsch : Christliche Nonne nach Rückkehr aus Aleppo Westmedien lügen über Realitäten in Syrien.

    Der Beitrag dauert etwa 5 Minuten und sollte Sie zum Nachforschen über diese Frau und ihre Argumente bewegen.
    Weitere Informationen zum Thema Syrien, das Sie bestimmt interessiert, gebe ich Ihnen gerne per mail.

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    1. Michael GartheMichael Garthe Artikelautor

      Sehr geehrter Herr Müller,

      vielen Dank für Ihren Hinweis und Ihre Anfrage.
      Mit dem Vorbehalt, dass wir die Quelle des Videos nicht lückenlos klären können, halten wir das Video für Propaganda. Vermutlich glaubt die Nonne, was sie da sagt. Aber die christlichen Kirchen in Syrien sind regimetreu.
      Realität ist, dass beide Seiten im Syrienkonflikt lügen. Herauszufinden, was wahr und was gelogen ist, das ist für uns sehr schwierig. Deshalb gehen wir mit allen Infos aus Syrien sehr vorsichtig um.

      Wir setzen in unseren Kommentierungen und Hintergründen auf aus unserer Sicht vertrauenswürdige Quellen, dazu gehören die wenigen westlichen Korrespondenten, die in Syrien sein können. Unser Nahost-Experte in der Redaktion, Ilja Tüchter, ist gut vernetzt, verfolgt u.a. auch englische, französische und türkische Quellen. Zu unseren Quellen gehören auch Leute von Hilfswerken, die vor Ort sind, aber vieles nicht öffentlich sagen dürfen, da sie sonst keine Einreiseerlaubnis mehr von den syrischen Behörden bekommen. Wo immer möglich, versuchen wir beide Seiten darzustellen. Weil die USA Syrien faktisch aufgegeben haben, kommt aus US-Quellen allerdings kaum noch etwas.
      Mit freundliche GRüßeb
      Michael Garthe, Chefredakteur

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