Der große Dreh


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Seit 2001 veranstaltet die RHEINPFALZ jedes Jahr einen großen Fotowettbewerb für ihre Leser. Das Motto diesmal: Pulsierende Pfalz. Wie immer gibt es zum Thema eine Begleitserie, die ganz unterschiedliche Facetten – in diesem Fall der pulsierenden Pfalz –  beleuchtet: eine Erdbebenmessstelle auf der Kalmit, eine Herzoperation im Westpfalz-Klinikum oder ein 130 Jahre altes Karussell mit Seltenheitswert.

Im Galopp und im Kreis: Karussellpferd. Foto: LM

Im Galopp und im Kreis: Karussellpferd. Foto: LM

Die Geschichte über die historische Reitschule der Schaustellerfamilie Hartmann schien eine einfache Sache zu sein, doch plötzlich waren wir mittendrin in einer ausufernden Recherche. Und standen vor der Frage: Was hat dieses Karussell mit der „Gotha Taube“ zu tun, einem Flugzeug, das als Bomber  im ersten Weltkrieg eingesetzt worden war? Vergangenen Mittwoch trafen wir uns mit Tobias Stahl-Hartmann. Er und seine Frau sind Schausteller. Das Etagenkarussell ist bereits in der fünften Generation in Familienbesitz. Diese Woche wurde es in Neustadt-Hambach für die dortige Kerwe aufgebaut. Stahl-Hartmann erzählt, dass der Ururgroßvater seiner Frau die Reitschule in Gotha (Thüringen) bei Fritz Bothmann hat bauen lassen. Bothmann? Nie gehört.

Etagenkarussell der Schaustellerfamilie Hartmann auf der Jakobuskerwe in Neustadt-Hambach.

Das Etagenkarussell der Schaustellerfamilie Hartmann auf der Jakobuskerwe in Hambach. Foto: LM

Wieder zurück in der Redaktion recherchieren wir: Fritz Bothmann ist ein Stück faszinierende deutsche Industriegeschichte. 1858 wurde er geboren, er erlernt das Schlosserhandwerk. 1883 eröffnete er einen eigenen Betrieb und begann mit der fabrikmäßigen Herstellung von Karussells. Er wurde auf diesem Gebiet zum Pionier, die Karussells verkaufte er weltweit. Das Unternehmen entwickelte sich zur Maschinen- und Waggonbaufabrik,  jetzt wurden auch Straßenbahnen und Eisenbahnwaggons hergestellt.

1902 stieg Bothmann aus seinem Unternehmen aus und gründete eine neue Firma. Die alte Maschinen- und Waggonbaufabrik  stieg 1913 in den Flugzeugbau ein. Bei ihr wurden schließlich jene Flugzeuge gebaut, die unter anderem im Ersten Weltkrieg zur Bombardierung Londons eingesetzt wurden. Bothmann aber baute weiter Karussells: Es kam vor, dass ein Besteller aus Argentinien nach Gotha kam, die Ausführung seines Luxus-Karussells abwartete und es dann mit nach Südamerika nahm. Das Leben Bothmanns wäre eine eigene Geschichte, gar ein Buch wert. Doch wir haben ja die „Pulsierende Pfalz“ im Sinn.

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Katalog der Karussell-Fabrik Bothmann aus dem Jahre 1913. Foto: Privat

Deshalb haben wir dem besonderen Dreh von Hartmanns Etagenkarussell nachgespürt. Unter anderem sind wir dabei auf einen alten Film über diese Reitschule und die Schaustellerfamilie aus dem Jahr 1989 gestoßen. Der galt selbst bei dem Regisseur, dem Dudenhofener Künstler Franz-Josef Bettag, als verschollen. Gedreht worden war er für den K3 Kulturkanal  – das war ein privates TV-Programm, das früher in Rheinland-Pfalz zu empfangen war. Wir haben nachgeforscht. Und eine  Kopie des Films in einem versteckten Regal der Neustadter Außenstelle des Landesfilmdienstes entdeckt. Die Mitarbeiterin dort sagte: „So verstaubt wie die Kassette ist, hat sich die noch nie jemand ausgeliehen.“ Wir haben.

Was wir auf dem Film gesehen haben und was die Faszination des Etagenkarussells mit seinen 16 prächtigen Holzpferden, einem „Gala-Elefanten“, einem Löwen und einem Schwein ausmacht, das ist in der Samstagausgabe der RHEINPFALZ nachzulesen. Die Geschichte über das Leben des Karussellbauers Bothmann aus Thüringen muss warten.

 

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