Der Hölle Rache in der Straßenbahn


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Kann ein Ort des Grauens sein: die Straßenbahn in Ludwigshafen. Foto: Kunz

Um eine eifrige und geschätzte Kollegin vor zu vielen (unbezahlten) Überstunden zu bewahren, haben ein anderer Redakteur und ich eine zeitlang versucht, sie abends aus dem Büro zu vertreiben – erst mit mahnenden Worten, dann mit Marschmusik aus dem Internet. Anfangs hielt sie sich wenigstens noch die Ohren zu, aber schnell war sie völlig abgestumpft. Kein Wunder, in die Ludwigshafener RHEINPFALZ-Zentrale fährt sie oft mit der Straßenbahn. Wie das gegen schräge Töne abhärtet, weiß ich selbst nur zu gut.

Neulich hat der Fahrer ein paar grölenden und herumhampelnden Jungspunden per Lautsprecher mitgeteilt, dass die Straßenbahn weder Fitnessstudio noch Karaoke-Bar sei. Und dass sie aussteigen müssten, falls sie sich weiter danebenbenehmen. Die Drohung hat so leidlich geholfen. Wie ein tapferer Fahrer tatsächlich ernst macht, hat einmal eine weitere Kollegin miterlebt: Unterm Applaus der übrigen Fahrgäste beförderte er auf freier Strecke eine renitente Betrunkene nach draußen.

Ich selbst durfte dafür zuschauen, wie jemand mal im kühnen Sprung die Straßenbahn verließ, als er das so gar nicht sollte. Eben noch hatte dieser Mann so getan, als suche er in sämtlichen vorhandenen Taschen eifrig nach seiner Fahrkarte. Der Kontrolleur konnte den Flüchtenden im Gerangel an der Tür nicht mehr stoppen, er tat hinterher aber befriedigt kund, er habe ihm wenigstens „noch ordentlisch ääne mitgewwe“. Dabei muss man Schwarzfahrern zugute halten, dass sie wenigstens keinen Lärm machen.

Damit heben sie sich wohltuend von jenen Fahrgästen ab, deren für anständiges Benehmen zuständige Hirnregionen gerade wegen pubertätsbedingter Unbaumaßnahmen außer Betrieb sind. Offenbar halten sie das aus ihren Smartphones dröhnende monotone Gewummer für Musik, mit der man ganze Straßenbahnen beschallen müsse. Ich verschanze mich in solchen Momenten hinter meiner Zeitung und leide still vor mich hin. Doch meine Gesichtszüge scheinen trotzdem ausdrucksstark zu sein.

Neulich rief eine Göre nach abschätzigem Blick zu mir ihrer vor sich hin wummernden Freundin mit höhnischem Unterton zu, dass die „Jugend von heute“ doch etwas mehr Rücksicht auf lesende ältere Menschen nehmen solle. Spätestens seit jenem Tag suche ich im CD-Regal nach musikalischen Waffen für den akustischen Zweitschlag. Eine mögliche Strategie für den Gegenangriff: verblüffendes Kontrastprogramm, Pater Godehard Joppich und die Choralschola der Münsterschwarzacher Benediktiner mit gregorianischen Chorälen zur Passion.

Doch die Mönche könnten im Gewummer schlicht untergehen. Also doch lieber schwere Waffen: AC/DC und Guns N‘ Roses, guter gegen schlechter Lärm, rotzige Gitarren und kreischende Stimmen gegen Bum-Bum-Bum? Oder die schönsten Militärmärsche aus preußischer und k.u.k-Tradition, eingespielt immerhin von den Bläsern der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan und mithin in allerfeinster Qualität? Oder Wagner, Walkürenritt, in egal welcher Aufnahme? Aber eigentlich ist mir all das zu schade.

Bleibt nur noch die Arie der Königin der Nacht, eingesungen von Florence Foster Jenkins. Diese 1944 verblichene US-Amerikanerin traf grundsätzlich weder Ton noch Rhythmus,
schmetterte Mozarts äußerst anspruchsvolles Zwei-Oktaven-Stück über „der Hölle Rache“ trotzdem leidenschaftlich gerne vor verblüfftem Publikum. Vielleicht teste ich die Wirkung erst einmal an meiner eifrigen und geschätzten Kollegin, die man bestimmt nach wie vor vor zu vielen (unbezahlten) Überstunden bewahren muss.

 

 

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