Der Klassik-Futzi geht zu Rock am Ring


Von
Festival-Besucher bei Rock am Ring waten durch Schlamm.

Wo sich der Klassik-Futzi der RHEINPFALZ hinwagen will: Frank Pommer geht zu Rock am Ring. Foto: dpa

Es könnte sein, dass ich das alles noch mal richtig bereuen werde. Rammstein statt Wagner; Schlammbad statt klimatisiertes Opernhaus; Dosenbier statt Sekt; kurze Hose statt Anzug. Und vielleicht auch noch Tinnitus statt Wohlklang. Seit Wochen sorgt die Nachricht für im günstigsten Fall Erstaunen, im ungünstigsten für schallendes Gelächter in den Redakteursfluren der RHEINPFALZ: Der Klassik-Futzi geht zu Rock am Ring.

Halt, stopp, bevor jetzt auch Sie in den Chor der Spötter einstimmen: Es gab ein Leben vor Bayreuth und Salzburg, vor National- und Pfalztheater; ein Leben vor „Nessun dorma“ und „Winterstürme wichen den Wonnemond“, also vor Puccini und Wagner. Ok, mit 16 Jahren war Schluss. Da habe ich dann alle meine Schallplatten verkauft (darunter vier von Udo Lindenberg, mindestens drei von Deep Purple, wenn das vielleicht irgendwie Eindruck machen könnte) und habe mir von den Einnahmen meine erste Gesamtaufnahme von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ angeschafft. Mit Karajan am Pult. Schon klar, die Scheiben sind heute nicht einmal mehr unter Klassik-Futzis angesagt.

Selbst Klassik-Futzis nehmen sich Auszeiten von der Hochkultur

Aber man darf sich das Leben des Klassik-Redakteurs auch nicht so vorstellen, als würde er von morgens bis abends, quasi ununterbrochen, Mozarts „Bildnis“-Arie singen und das Thema von Bruckners siebter Sinfonie pfeifen. Nein, da gibt es durchaus Auszeiten. Und während sich dann Kollegen einen schwarzen Existenzialisten-Rollkragenpullover anziehen und ins Jazz-Konzert gehen, höre ich SWR 3. Oder gehe mit meinem Jüngsten durch dessen Spotify-Playliste, die sonst keiner in der Familie mit ihm hören würde.

Was ich damit sagen will? Nun, Klassik-Futzis sind vielleicht auch nur Menschen wie Du und Ich. Trinken Bier und essen Pizza, nur so als Beispiel. Sind Fußballfans – so aufgeregt wie bei einem FCK-Spiel war ich selbst beim leider nicht ganz von Erfolg gekrönten Vorsingen an der Musikhochschule nicht. Hätte vielleicht das Betzelied anstimmen sollen …

Und die Spezies ist sicherlich auch unter Extrembedingungen überlebensfähig. Also bei Rock am Ring. Ab morgen. Im Schlamm- und Bierbad. Nur eines will ich dann auch gleich gestehen. Mein Zelt, das ist leider kaputt. Wurde viel zu lange nicht mehr eingesetzt.  Habe mir ein Dach überm Kopf samt Bett besorgt.

Ja, ich weiß, Klassik-Futzis sind eben doch Weicheier. Werden wir ja noch sehen in den nächsten Tagen …

 
Dieser Beitrag wurde am von in Allgemein veröffentlicht. Schlagworte: , , , , , , , , , , .

Über Frank Pommer

1966 im westpfälzischen Niederkirchen bei Kaiserslautern geboren. Nicht nur deshalb wäre eine Karriere als Sportredakteur eine logische Konsequenz gewesen. Oder als Heldentenor am Pfalztheater. War aber gerade nichts frei. Dann also Kulturjournalismus, passt ja auch ganz gut zum Studium der Germanistik, Musikwissenschaften und Romanistik. Seit 1997 bei der RHEINPFALZ, seit 2011 Leiter des Kulturressorts. Und als passionierter Opern- und Konzertgänger in diesem auch für die Klassikberichterstattung zuständig - egal, ob aus Kaiserslautern, Mannheim oder Bayreuth.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.