Die Speyerer Gelassenheit


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Stell dir vor,  es steht ein historisches Ereignis an und keiner findet’s bemerkenswert … Morgen steht Speyer ein Jahrhundertereignis, ach was, das historische Ereignis überhaupt bevor: die Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl. Die gesamte Weltpresse wird zugegen sein. Über 150 Medienvertreter, über 1500 Polizisten, alles was in Deutschland an Prominenz Rang und Namen hat wird an diesem Tag im Dom zusammenkommen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Kohl hat sich – wie mehrfach berichtet – zusammen mit seiner Frau Maike Kohl-Richter für diesen Ort des Abschiednehmens entschieden. Nicht für das große Berlin. Nein, Deutschland blickt an diesem Tag nach Speyer. Und selbst Kohls Heimatstadt Ludwigshafen ist beinahe komplett außen vor: eine 30-minütige Runde durch die Stadt und das wars. Das hat sich Ludwigshafens Oberbürgermeisterin Eva Lohse wahrscheinlich auch anders vorgestellt.

Als Außenstehende, die ein solches Großereignis noch nie hautnah miterlebt hat, ist man schwer beeindruckt von dem, was da alles passiert in der kleinen pfälzischen Stadt. Der Stab des Bundesinnenministeriums ist seit einer Woche in Speyer. Polizeibusse halten vor dem Hotel, in dem der Organisationsstab zusammenkommt. Mitarbeiter des Protokolls laufen durch die Stadt. Kamerateams loten die für sie besten Positionen aus.  Doch in diesen Momenten, in denen immer wieder staunend die Kinnlade nach unten zu sinken droht, ist man als Außenstehende ziemlich alleine, wie ich auch nach Tagen immer wieder feststellen muss. Die Speyerer stöhnen. Schon seit Bekanntgabe des Trauer- und Beisetzungsortes. „Muss das denn sein?“, „Wer bezahlt die Grabpflege?“, „Kann ich samstags dann nicht einkaufen und muss auch noch mit mehr Verkehr als üblich in der Stadt rechnen?“. Das ist allerorten zu hören.

Vergangenen Sonntag war der letzte Tag vor der Beisetzung Kohls, an dem der Adenauerpark in unmittelbarer Nähe der Friedenskirche St. Bernhard geöffnet war. Abends saßen dort noch Familien auf Bänken und der Wiese. Kinder tobten spielend umher. Die Stelle, die für das Grab des Altkanzlers freigemacht worden war, erkannte man sofort: eine braune, ebene Erdfläche, abgegrenzt vom Friedhof des Domkapitels und der direkt dahinter liegenden Kirche St. Bernhard. Abgegrenzt mit Bauzäunen. Vorne, zum Weg des Parks hin war alles frei. Zwei ältere Frauen standen dort und unterhielten sich. Ein Pressefotograf stahl sich schnell an die Stelle und machte ein paar Fotos. Andere kamen extra aus Ludwigshafen, um es sich schon mal anzuschauen.

Arbeiten Adenauerpark2

Grünarbeiten am Adenauerpark: Davor und darin wurde alles zurechtgestutzt. Auch die gesamte Strecke, die der Trauerzug fahren wird, wurde gesäubert – von der Bundesstraße über den Domgarten. Foto: Ditt

Seitdem ist viel passiert. Am Park. Was die Grünfläche anbelangt. Die wurde zurechtgestutzt. Die überregionalen Medien beschrieben die Geschichte des Adenauerparks und wer dort  seine Ruhe gefunden hatte. Seine Ruhe hatte auch Pfarrer Matthias Bender. Er ist zuständig für die Speyerer Großpfarrei in Pax Christi, zuständig für St. Bernhard, aber auch Dompfarrer. In der Kirche feiert die Domgemeinde regelmäßig ihre Gottesdienste. „In unserem Pfarrbüro gingen keine Presseanfragen ein“, berichtete er. Den Ansturm hat die Pressestelle des Bistums Speyer abbekommen. Auch sonst blieb es weitgehend friedlich rund um die Friedenskirche.

Dompfarrer Matthias Bender kann von seiner Wohnung auf seinen Arbeitsplatz blicken

Dompfarrer Matthias Bender ist nicht nur für die Kathedrale, sondern auch für die Friedenskirche St. Bernhard zuständig, neben der Kohl beerdigt wird.

Bender hofft, dass sich vielleicht doch ein paar Menschen künftig St. Bernhard anschauen werden, die auf dem Weg zu Kohls Grab sind. Seiner Ansicht nach ist die letzte Ruhestätte ein schönes Zeichen: „Die Kirche steht für den europäischen Versöhnungsgedanken“, sagt er. Sie wurde 1953/54 als in Stein gewordenes Versönungszeugnis zwischen Deutschen und Franzosen gebaut. Katholiken beider Länder haben sich an der Finanzierung beteiligt.

Friedhof des Domkapitels hinter der Kirche St. Bernhard

Friedhof des Domkapitels hinter der Kirche St. Bernhard

 

Auch in Benders Pfarrei sei es zwar hektisch gewesen, aber die Entscheidung für diese Ruhestätte nicht kontrovers diskutiert worden. „Ich wusste es schon seit 2015, durfte aber natürlich nichts sagen und habe auch abgewartet, ob Kohls letzter Wille in dieser Hinsicht auch bestätigt wird. Es hätte ja auch sein können, dass nach seinem Tod doch eine andere Grabstätte in Betracht kommen“, sagt Bender. Als Mitglied des Domkapitels war er eingeweiht in das Vorhaben Kohls.

Und jetzt? Hält ganz Speyer erst einmal die Luft an und wartet, bis die Feierlichkeiten vom Ausmaß eines Staatsakts vorbei sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Speyerer solche Großveranstaltungen gewöhnt sind. Schließlich brachte Kohl viele Staatsgäste in die Stadt. Und wer den Papst einmal in seiner Hauptstraße hatte, den kann so leicht nichts aus der Ruhe bringen.

 
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Rebecca Ditt

Über Rebecca Ditt

Rebecca Ditt ist seit 2011 Redakteurin im Stadtressort Speyer und hauptsächlich zuständig für die Themenbereiche Religion und Kommunalpolitik. Zuvor war sie Redakteurin in Bad Dürkheim. Schon in der Diplomarbeit an der FH Kaiserslautern, Standort Zweibrücken, drehte sich alles um die RHEINPFALZ, in dem Fall grob gesagt um Online und Redaktion. Nach dem erfolgreichen Abschluss als Diplom-Betriebswirtin war sie zunächst Assistentin im Bereich "Kommunikations- und Führungstechniken" am FH-Standort Zweibrücken und hat die Einführungsvorlesungen gehalten. Dann lockte doch das Rheinpfalz-Volontariat.

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