Drama auf dem Leipziger Opernball


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Illumination am Leipziger Opernhaus bei Nacht.

Pech und kein Glück – so könnte man den Tag des Leipziger Opernballs für die westpfälzer Designerin Janine Knorr zusammenfassen. So schlimm wie es sich anfühlte, verlief der Abend dann doch nicht. Im Gegenteil. Es war schön. Nur anders als erwartet. Und mit ganz viel Drama.

Das Opernball-Drama beginnt am Samstagvormittag beim Fitting mit den Models. „Ratsch“ surrt der Reißverschluss und das Model ist nach minutenlangem Zuppeln und Fummeln endlich im Abendkleid. Noch bevor die Designerin zufrieden lächeln kann, gibt der Reißverschluss unerwartet einen anderen Ton von sich. Und der klingt eher wie: „Peng“. Das Kleid ist aufgeplatzt – der Super-GAU. „Einen nahtverdeckten Reißverschluss reparierst du heute nicht mehr!“, erklärt mir Janine mit einem hysterischen Tremolo-Tonfall. Das Model, das auf den Namen Leonie hört, schaut betroffen. Sie bekommt das Oberkleid wieder ausgezogen und wird im Unterrock auf die Bühne drei Stockwerke tiefer geschickt. Janine guckt als wolle sie aufwachen aus diesem Traum, der gerade zu ihrem Alptraum geworden ist. Sie folgt Leonie kopfschüttelnd und immer wieder „Ich hab´s gewusst“ murmelnd zur Generalprobe.

Ich bleibe im provisorischen Umkleideraum zurück. Eigentlich ist das hier ein verspiegelter Ballettsaal im dritten Stock des Leipziger Opernhauses. Als auch die anderen Designer mit ihren Teams an mir vorbeigezogen sind, glotzt mich nur noch mein Spiegelbild an. Ich fühle mich, als wäre ich in einem Film eingetaucht, den ich bis jetzt vom Sofa aus verfolgt habe. Die Rolle der guten Fee oder des tapferen Schneiderleins ging leider nicht an mich. Sie ging überhaupt an niemanden. So fährt das Drama im Fahrstuhl drei Stockwerke tiefer. Während ich hier oben versuche, den Reißverschluss zu reparieren. Nach einer Dreiviertelstunde muss ich mit blutigen Fingern kapitulieren. Ich werde nicht die einzige bleiben, die sich an diesem Tag selbst verletzt, um ein Kleid für eine zehnminütige Show zu retten.

Während sich das Drama bei der Generalprobe abspielt, hängen die Kleider für den Abend schon bereit.

Janine fand keine Begleitung, aber mich

Dabei hatte Wochen zuvor alles mit großer Vorfreude begonnen. Janine schrieb mir, dass sie fertig mit der Modeschule und für den L.O.B. Fashion Award auf dem Leipziger Opernball nominiert ist. Ich freute mich von ihr zu hören – und dachte bei der Story natürlich gleich an die Rheinpfalz. Wir kennen uns aus dem Bachelor-Studium an der Universität in Mannheim. Als Kommilitoninnen in den Fächern Geschichte und Germanistik verstanden wir uns immer gut, arbeiteten oft zusammen und feierten 2015 noch gemeinsam den Abschluss – um uns dann natürlich aus den Augen zu verlieren.

Umso größer war die Überraschung, als sie erzählte, sie finde einfach keine Begleitung für den Opernball und fast beiläufig die Frage, „willst du mit?“, anschloss. – Ähm, was gibt es da zu überlegen?!? – „Als ich gesagt habe, dass da die Presse dabei sein wird, war die Reaktion verhalten“, schrieb sie mir über WhatsApp. Als Journalistin habe ich natürlich kein Problem damit. Ich sagte ihr später: „Es tut mir zwar für dich Leid, dass bisher keiner mitwollte. Aber ich bin echt sehr froh darüber.“ „Let’s rock“ war eigentlich unser Motto. „Let’s fetz“ ist am Finaltag daraus geworden.

Dürfen mit Promis nicht am Menü teilnehmen

„Das Problem an nahtverdeckten Reißverschlüssen ist, dass man sie nicht reparieren und auch nicht innerhalb weniger Stunden einen neuen ans Kleid nähen kann“, erklärt mir eine Designerin. Ich nicke und fahre nun auch mit dem Fahrstuhl Richtung Elend. Auf der Bühne sind die Proben fünf Stunden vor Einlass fast fertig. Die Nerven liegen blank, die Designer sind müde, den Models tun die Knöchel weh. Da kommt Sängerin und Moderatorin Kim Fisher und sagt fröhlich: „Oh nein, nicht schon aufhören. Mein Dienst fängt jetzt erst an.“

Generalprobe auf der Bühne in der Leipziger Oper.

Bevor wir doch erlöst werden, wird die nächste Überraschung verkündet: Designer und Begleitung werden doch nicht vom Veranstalter eingeladen. Für jedes Pärchen gibt’s lediglich vier Rabattmarken im Wert von zehn Euro. Wir dachten bisher, wir bekommen Plätze an den Tischen mit Menü. Ernüchterung stellt sich nun auch bei Janine ein. „Wir nähen das Model heute Abend ein. Ins Kleid. Hoffentlich ohne Hautfetzen“, sagt sie.

Wir verlassen das Leipziger Opernhaus, das am Tag so anders wirkt als bei Nacht. Wie ein Palast hatte es ausgesehen, als wir am Freitagabend davor standen und die in bunten Farben erleuchteten Fenster und die angestrahlte Fassade bewundert haben. Am Samstagnachmittag wirkte der Bau nüchtern und unscheinbar.

Das Hauptgebäude der Leipziger Universität: Das Paulinum mit angrenzendem Augusteum am Augustusplatz.

Leipzig: Historische Stadt

Bei Tageslicht stellt das Hauptgebäude der Uni Leipzig, übrigens nach Heidelberg auf dem Gebiet der Bundesrepublik die zweitälteste Universität, die Oper in den Schatten: Das Neue Augusteum mit dem angrenzenden Paulinum als Aula und Universitätskirche am Augustusplatz. Der Neubau steht an der Stelle, an der 1968 die Paulinenkirche gestanden hat und wo sie – die Kirche war vom Zweiten Weltkrieg fast unversehrt – die SED-Verwaltung sprengen ließ. Kostenpunkt des Neubaus: 117 Millionen Euro.

Generell gibt es im geschichtsträchtigen Leipzig viele Bauwerke und Denkmäler wie das Völkerschlachtdenkmal mit Blick über die Innenstadt zu bewundern. Durch unserer Hotelfenster schauen wir direkt auf die Nikolai-Kirche, wo 1989 die Friedliche Revolution startete und heute die Nikolaisäule daran erinnert. Leipzig ist auch bedeutende Musikstadt, von Bach und Mendelssohn über Schumann bis Wagner sind viele Komponistenhäuser als Museen eingerichtet.

Als wir durch die Fußgängerzone hetzen, trommelt ein Straßenmusiker auf einer – Bratpfanne?! Hört sich jedenfalls gut an. Wir haben keine Zeit, stehen zu bleiben – „wir brauchen einen reißfesten Faden. Etwas wie Angelschnur“, ruft Janine mir zu. Wir laufen an der Mädlerpassage und den aus Goethes Faust bekannten Auerbachs Keller vorbei. Und sind schneller wieder zurück im Hotelzimmer als wir vorhatten. Der Ball fängt in wenigen Stunden an.

Fallen auf dem Opernball in ihren Abendkleidern auf: Designerin Janine und RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Julia.

Fallen auf dem Opernball in ihren Abendkleidern auf: Designerin Janine und RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Julia.

Auf dem Ball

Der Ball mit dem Motto „Moskauer Nächte“ beginnt anders als erwartet – etwas weniger glamourös als es aus Bildern der Boulevard-Presse den Anschein hat. Natürlich sind Promis da wie Wolke Hegenbarth, Rebecca Mir und The BossHoss sowie Schauspieler der lokalen Fernsehsendungen, RB-Leipzig Fussballer und Sachsens Landespolitiker. Unter den Gästen sind auch der Botschafter Russlands und die Botschafterin Tschechiens, dazu die Generalkonsuln Russlands und der USA sowie der Präsentator des Abends: Porsche.

Mit diesen Leuten ins Gespräch kommen wir jedoch nicht. Sie sitzen abgeschottet vom Rest der Besucher an ihren Tischen direkt vor der Bühne. Auch vom Programm bekommen wir nicht viel mit. Dafür die Besucher umso mehr von uns. Im Abendkleid ernten wir viel Lob und bewundernde Blicke. Mit unseren Flaniertickets können wir uns durch das Opernhaus bewegen. Irgendwann müssen wir doch Lachen und Fotos schießen. Die Laune hebt sich, die Anspannung löst sich und wir haben am Ende des Tages doch noch Spaß.

Model Leonie wird ins Kleid genäht.

Kurz vor der Show sitzt das Abendkleid am Model perfekt. Dass der Reißverschluss lediglich zugenäht ist, merkt keiner. Leonie präsentiert es souverän, Janie bekommt viel Lob für ihren Entwurf. Auch wenn sie nicht gewinnt an diesem Abend, war es ein schöner Samstagabend, der sich für uns anfühlte, als sei er einen Wimpernschlag später auch schon wieder vorbei. Nur die Erlebnisse am Vormittag stecken noch ein bisschen in den Knochen. Unsere Wertmarken lösen wir schließlich gegen zwei Gläser Wein ein – Rosé aus der Pfalz; genauer: aus Freinsheim.

Modedesignerin Janine Knorr mit Model Leonie.

 

 

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