„Sie kommen hier nicht weiter!“ Oder: von der Erkundung Rügens


Von

Ja, ich gebe zu, die Aussage „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ hatte bei meiner letzten Recherchereise schon einen wahren Kern. Für unsere Serie „Alles, außer gewöhnlich“, in der in loser Folge ungewöhnliche Orte und Menschen in Deutschland vorgestellt werden, ging es für mich nach Rügen. Was es da Ungewöhnliches gibt?

Den Herthasee, einen kleinen, kreisrunden See in den dichten Buchenwäldern im Herzen des Nationalparks Jasmund. Was sich dort zugetragen hat? Menschenopfer! So erzählen es jedenfalls Sagen und alte Chroniken zur Geschichte Rügens. Das Besondere daran: Die krude Erzählung ohne stichhaltige Beweise wurde als gruselige Attraktion den ersten Ostseetouristen schmackhaft gemacht  – und alle fielen darauf rein. Die ausführliche Geschichte können Sie am Montag in der RHEINPFALZ lesen.

Hier soll sich in heidnischer Zeit Grausiges abgespielt haben: Der Herthasee ist im herbstlichen Nebel auch heute noch etwas unheimlich. Foto: Gemperlein

Hier soll sich in heidnischer Zeit Grausiges abgespielt haben: Der Herthasee ist im herbstlichen Nebel auch heute noch etwas unheimlicher Ort. Foto: Gemperlein

Aber nun noch einmal der Reihe nach: Wie kommt man auf einen so abgelegenen Ort und eine so abgefahrene Geschichte? Rügen ist in der Pfalz nicht gerade Dauerthema der Berichterstattung. Ganz einfach: Ich hatte Effi Briest gelesen. Und die berühmte Ehebrecherin von Theodor Fontane hat sich an eben jenem Ort fürchterlich gegruselt. Oder besser: Fontane war dort und ließ seine Effi gruseln. So oder so, die Geschichte hat mich sofort in ihren Bann gezogen und wollte recherchiert werden. Und da uns RHEINPFALZ-Volontären kaum ein Themenvorschlag ausgeschlagen wird, befand ich mich einige vorbereitende Tage und zehn Zugstunden später in Sassnitz, dem einstigen Modebad der Kaiserzeit und der zweitgrößten Stadt der Insel.  Von hier aus sollte meine Erkundungstour zum sagenumwobenen Herthasee beginnen.

Unterstützung bei meinen Recherchen in den Wäldern Rügens bekam ich von Frank Biederstaedt, Stadtarchivar von Sassnitz und gebürtiger Rügener, der die Ostseeinsel wie seine  Westentasche kennt. Mit ihm ging es durch die herbstlich-nebligen Wälder, vorbei an grünlich schimmernden Mooren und mächtigen umgestürzten Baumstämmen, die im Nationalpark ungestört vor sich hin verrotten dürfen.  Urtümlich. Unwirklich. Magisch. Die Stimmung, um den Herthasee zu erkunden, hätte passender nicht sein können! Am Ende konnte ich gut nachvollziehen, warum über Jahrhunderte solche Schauermärchen über den See kursierten und Touristen bis ins 20. Jahrhundert darauf hereinfielen.

1img_9616

Moderner Opferaltar: Der Herthasee ist auch im 21. Jahrhundert für eine Überraschung gut. Hier gibt es offenbar wieder Leute, die der germanischen Göttin Nerthus, die vor 2000 Jahren hier verehrt worden sein soll, Äpfel darbieten. So ist es jedenfalls auf dem Zettel am Baum zu lesen. Foto: Gemperlein

Zurück in Sassnitz. Die Altstadt mit den weiß getünchten Gründerzeit-Villen und ihren prächtigen Holzschnitzarbeiten an den Balkonen lockte. Eine davon heißt passenderweise Villa Hertha. Da wollte ich hin, die Stimmung der Ostseebades, wie es sich zur Zeit des Gruseltourismus rund um den Herthasee präsentierte, auf mich wirken lassen. Eine halbe Stunde später, in der ein älterer, verwirrt scheinender Mann direkt vor mir auf die Straße stürzte, der Rettungsdienst zunächst nicht kommen wollte (O-Ton Sanitäter: „Wenn er ja laufen kann“), und eine Pflegerin schließlich ihren entlaufenden Patienten wieder zurück ins Seniorenheim brachte, befand ich mich dann tatsächlich auf dem Weg nach Alt-Sassnitz.

Der Gruseltourismus um den Herthasee hat auch in Sassnitz seine Spuren hinterlassen: Die Villa Hertha im ortstypischen Bäderstil. Foto: Gemperlein

Der Gruseltourismus um den Herthasee hat auch in Sassnitz seine Spuren hinterlassen: Die Villa Hertha im ortstypischen Bäderstil. Foto: Gemperlein

Doch ich wurde wieder aufgehalten. Mehrere grimmig dreinschauende Männer mit orangenen Warnwesten versperrten mir den Weg zum Marktplatz: „Sie kommen hier nicht weiter. Dreharbeiten!“ Mein Blick nur ansatzweise in die Richtung des erwähnten Sets wird misstrauisch beäugt, Fotos machen („Doch nur von den Villen!“) ganz verboten. Meinen bissigen Kommentar, sie hätten wohl kaum die ganze Stadt gepachtet, schluckte ich runter. Man ist ja ein friedliebender Mensch. Bald können sich jedenfalls alle Liebhaber von TV-Romanzen vor hübschen Kulissen auf eine neue Folge Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström in Sassnitz freuen. Denn soviel wurde mir neugieriger Journalistin zumindest verraten: „Sie drehen hier einen Frauenfilm, irgendeine Schulze“, so einer der übelgelaunten Security-Männer. Ich erspare mir hier jede Bemerkung über frauendiskriminierende Äußerungen. Den Besuch des Stadtzentrums konnte ich jedenfalls vergessen.

Was es sonst noch von der Reise zu erzählen gibt? Ach ja. Die Heimfahrt. Der ICE von Hamburg nach Mannheim fiel aus. Ein zugiges, eiskaltes Abteil im Uralt-Ersatzzug. Anderthalb Stunden Verspätung, nach 12,5 Stunden zuhause. Der ganz normale Reise-Wahnsinn halt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.