Einheitsfeier im Hochsicherheitstrakt


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Sicherheit ist ein aufwändiges Geschäft. Und ein gründliches. Wer als Journalist am Tag der Deutschen Einheit darüber berichten will, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsidentin Malu Dreyer und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, kurz, die Spitzen der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland, in Mainz feiern, muss lange vorplanen.

Keine Chance auf Rückkehr

Für neun „Pressepositionen“ können sich die Berichterstatter akkreditieren, darunter die Begrüßung auf dem roten Teppich, der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Mainz und der Gottesdienst. Ein Besuch des Gottesdienstes im Mainzer Dom und die Berichterstattung über den Festakt in der Mainzer Rheingoldhalle schließen Position sieben aus: „Eintreffen der Verfassungsorgane auf dem Marktplatz. Die Spitzen der Verfassungsorgane gehen nach dem Ende des Gottesdienstes aus dem Dom Richtung Marktplatz und haben die Möglichkeit, mit dort wartenden Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.“ Ich verzichte darauf, mein Kollege Arno Becker mischt sich nämlich vom fröhlichen Bürgerfest aus unters Volk und wird Impressionen von der anderen Seite der Absperrung mitbringen, ganz ohne Ausweis und Sicherheitsbändchen, aber mit Taschenkontrolle und Abtasten. Sollten sich Journalisten während des vorgesehenen Programms aus dem Tross herausbegeben und die Sicherheitszone verlassen, haben sie danach keine Chance auf Rückkehr, so steht es in der ausführlichen Anweisung der Staatskanzlei.

Personalausweis unter der Lupe

Das SEK im Dom.

Mit dem Akkreditierungsverfahren willigen sie in die Sicherheitsüberprüfung ein. Das, was inzwischen jeder Hilfsarbeiter eines Festivals wie „Rock am Ring“ durchläuft: Ein Check, ob in den Datenbanken der Polizei oder des Verfassungsschutzes irgendetwas gegen sie vorliegt. Am Tag selbst folgt eine weitere Sicherheitsüberprüfung, deshalb müssen sich die Berichterstatter um sieben Uhr morgens in der Opel-Arena des Fußballerstligisten Mainz 05 anmelden, wenn sie um zehn Uhr im Dom sein wollen. Der Personalausweis wird mit Lesegerät und Lupe auf Echtheit überprüft. Bestanden.   „Jetzt rein in die Todeszone“, sagt ein Mitarbeiter der Staatskanzlei.

Fürsorgliche Staatskanzlei

Dieser schwarze Humor weckt mich wenigstens auf an diesem Morgen. Kollege Peter Zschunke von dpa sagt, er komme sich vor wie nach einer Niederlage von Mainz 05. Bei seiner ersten Sicherheitsüberprüfung habe er seine Dauerkarte gezeigt. Und jetzt? Abwarten und Tee trinken. Brötchen essen ist auch möglich und vor allem: Schreiben. Im Rahmen der von Sicherheitsorganen bestimmten Arbeitsbedingungen für Journalisten ist die Pressestelle der Mainzer Staatskanzlei wirklich fürsorglich. Eineinhalb Stunden später bringt uns ein Shuttle-Bus in die Altstadt, in deren Straßen ausschließlich uniformierte Polizisten stehen. Irgendwie gespenstisch, aber nix gegen die in voller Montur stehenden Spezialeinsatzkräfte in der Gotthardt-Kapelle des Mainzer Doms. Sie sehen an diesem Ort verstörend. Irritierend ist es für Journalisten außerdem, zu jeder Station von Mitarbeitern der Pressestelle begleitet zu werden.  Sonst reichte bei Großveranstaltungen die Definition, welche Bereiche zugänglich und welche tabu sind. „Kein Bush-II“ solle es geben, hatte der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling vor Monaten gesagt. Als der damalige amerikanische Präsident 2005 in der Landeshauptstadt war, wurden sogar die Kanaldeckel zugeschweißt. Immerhin, das gab es diesmal nicht. Aber Terror und die Antwort der Sicherheitskräfte darauf verändert auch die journalistische Arbeit. Dennoch: Inhaltlich habe ich alles gesehen und gehört, was ich wollte. Nach getaner Arbeit endet mein Arbeitstag zwölf Stunden nach dem Start in der Opel-Arena. Draußen wird es grad wieder dunkel.

 
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Karin Dauscher

Über Karin Dauscher

Karin Dauscher (Jahrgang 1966) beobachtet seit 2001 für die RHEINPFALZ die Landespolitik im Mainzer Büro. Nach einem Studium der Germanistik, der Politikwissenschaft und der Vergleichenden Literaturwissenschaft volontierte sie in der Öffentlichkeitsabteilung der BASF und wechselte 1994 zur RHEINPFALZ. Ihr Kürzel: kad.

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