Liebesgrüße aus Kusel


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Als ich hörte, dass ich ab September die ersten zwei Monate meines Volontariats in Kusel sein würde, musste ich den Ort nochmal auf der Karte suchen. Vor meiner Bewerbung hatte ich mir zwar brav die Grenzen der Pfalz angeschaut und den Namen bereits aufgeschnappt. Die genaue Lage blieb aber nicht bei mir hängen. Es ist vielleicht aufgefallen: Ich bin kein Pfälzer.

Kusel am Morgen.

Kusel am Morgen.                                                                                                                                      Foto: Heimerl

Vor meiner Zeit bei der RHEINPFALZ hatte es mich nur in östliche Pfalz-Orte verschlagen, wie Ludwigshafen, Mutterstadt oder Bad Dürkheim. Kusel war Neuland. Meine Familie dachte anfangs gar, die Stadt läge an der Mosel, als ich ihr davon erzählte. Die Mosel gibt es dort zwar nicht, aber immerhin den Kuselbach. Und jede Menge Abenteuer.

Kein Wein in Kusel

Mein erster Tag vor Ort war der wichtige vorletzte Tag der Herbstmesse, wichtigstes Ereignis im Jahr für die Stadt. Frühschoppen am Messemontag ist Pflicht-Termin für die Redaktion und Gelegenheit, Präsenz zu zeigen. Dass die Westpfalz nicht derart geprägt ist vom Weinbau, wie andere Regionen der Pfalz, offenbarte sich mir beim Ausschank im Festzelt: Gerstensaft statt Traubenerzeugnisse. Hunderte gesellige Menschen standen auf den Bänken und feierten zur Musik. Ein Einstand mit Maß.

Gesellig empfingen mich auch die Kollegen. Nicht unwichtig in einer kleinen Redaktion, in der alle Mitarbeiter in Rufweite sitzen. Anfängliche Sprachbarrieren gab es schon, mein Gehör war mit Westpfälzischen Dialektarten nicht vertraut.

Und so blieb mir so mancher Witz vorerst verschlossen. Witzig wurde es mit den Kollegen später doch – mein Gehör hatte inzwischen genug Training – nur beim Thema 1. FCK geriet ich ab und zu an die Grenzen des Spaßes. Dafür konnte ich die gravierende Bildungslücke schließen, wer eigentlich Ronnie Hellström ist.

Fremde Zungen auf dem Acker

Die Kollegen waren schnell der Meinung, ich könnte auf die Bevölkerung losgelassen werden. Und plötzlich stand ich in der Erde eines Kartoffelackers in Reichweiler und fragte Senioren eines Altenheims, wie Ihnen der Ausflug zur Kartoffelernte gefällt.

So ein alteingesessener Westpfälzer vom Lande nutzt ganz andere Ausdrücke, wie ich schmerzhaft erfahren musste. Die Mitarbeiterin des Heims musste für mich übersetzen: „Grumbeeren“ sind Kartoffeln.

Dafür, dass ich „Latwerge“ nicht kannte, wurde ich allerdings auch von den jüngeren Personen auf dem Feld ausgelacht. Zum Trost bekam ich ein Brot mit besagtem Latwerge zum Probieren und stellte fest, dass es sich dabei um Pflaumenmus handelt.

Da steht ein Reh vor der Tür

Die Lokalausgabe in Kusel deckt nicht nur die Stadt ab, sondern auch den ganzen Landkreis drum herum. Gelegenheiten mit Natur und Mensch in Kontakt zu treten, waren also reichlich vorhanden.

Hatten meine Schuhe in einem Moment noch Kartoffelerde unter der Sohle, wateten sie kurz darauf durch die Hinterlassenschaften von Hühnern eines Bio-Bauernhofes. Während des Gesprächs mit dem Bauern pickte das Federvieh unbekümmert am Schuhwerk herum. Wenn ich dann abends nach hause kam, in mein angemietetes Zimmer in Kusel, standen ab und zu Rehe vor der Tür.

Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt

Da so ein Volontär beschäftigt werden will, kam ich in die Ehre an der letzten „Redaktion vor Ort“ dieses Jahres teilzunehmen, auf dem zugigen Schlossplatz in Grumbach oben auf dem Berg, und bekam von den gesprächigen Einwohnern noch gleich eine Führung durch die Rheingräflichen Gewölbe des Ortes.

Dann, an Halloween, kurz vor Ende meiner Kuseler Zeit, wurde ich auf Nachtwanderung zu einer Sandsteinhöhle im Wald geschickt. Dass es mir an Abwechslung gemangelt hätte, lässt sich nicht sagen.

Den Kollegen wurde es aber auch nicht langweilig, aufgrund des hohen Arbeitspensums. Schon vor der Umstellung auf Winterzeit wurde ab und an bis weit nach Sonnenuntergang über der Ausgabe für den nächsten Tag gebrütet.

So mancher volle Kaffeebecher verwaiste in der Küche, bis sein Inhalt untrinkbar abkühlte. Assoziationen zum Kinderbuch „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ sprangen mir während der Kuseler Zeit immer wieder durch den Kopf.

Fritz und Miro

Dort Themen zu recherchieren, ist nicht einfach. Die Kommunalpolitik ist in der kurzen Zeit schwierig zu durchschauen, über Persönlichkeiten der Stadt weiß schon jeder Bescheid und in dem ländlich geprägten Verbreitungsgebiet der Lokalausgabe passiert nicht jeden Tag ein Wunder. Wunderlich hingegen, der ist an jeder Ecke zu sehen.

Fritz Wunderlich, der weltberühmte Tenor, der noch in jungen Jahren über einen schlecht geschnürten Schnürsenkel eine Treppe herunterstürzte und an den Folgen des Sturzes starb. Er wird in Kusel verehrt wie Elvis Presley in Memphis.

Ein weiterer berühmter Sohn der Stadt ist Miroslav Klose, als Kind mit seinen Eltern hierher gezogen. Wie an seiner Karriere zu erkennen ist, hatte er seine Schuhe bisher immer gut geschnürt. Doch wie gesagt, das sind alles keine Informationen, die in Kusel noch jemandem unbekannt wären.

Recherche-Glück

Dafür musste ich etwas tiefer in der Geschichte graben und recherchierte zu den Pfälzischen Wandermusikanten, die aus der Gegend stammten und vor langer Zeit die halbe Welt bereisten.

Ein Thema, das nicht jeden anspricht, aber bei dessen Recherche ich Spaß hatte. Gerade weil die wichtigste Quelle, Paul Engel – ein sehr gesprächiger Kuseler Bürger, den dort ebenfalls jeder kennt – viele Anekdoten erzählen konnte.

Daraus entstanden zwei Artikel – und zwei Multimedia-Reportagen mit Hörproben und weiterem Archivmaterial, das es nicht in die Zeitung schaffte. Die erste handelte von Hubertus Kilian, der bis zum kaiserlichen Militärkapellmeister in China avancierte.

Die zweite Geschichte über den ehemaligen Wandermusikanten Georg Drumm, dessen Musik es bis ins Weiße Haus schaffte, erschien im pfalzweiten Kulturteil der Zeitung, inklusive eines Porträts über Engel. Danach rief er mich an und erzählte, dass sich sogar ein Klassenkamerad bei ihm meldete, den er vor 60 Jahren das letzte Mal gesehen hatte.

Meine Zeit in Kusel hätte ein Happy End haben können, wären mir nicht sowohl Smartphone, als auch Auto kaputt gegangen. Das ist aber eine andere Geschichte…

 

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