Mit Flanierkarte zum Bundespresseball


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Glänzend gelaunt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier tanzt mit seiner Frau Elke Büdenbender den Eröffnungswalzer beim Bundespresseball. Foto: dpa

Journalisten sind entweder Jäger oder Sammler. Das ist auf dem Bundespresseball besonders gut zu beobachten, der am vergangenen Freitag das Hotel Adlon in Berlin gerockt hat. Ich war mittendrin – mit Flanierkarte.

Trägt diesmal nicht das auffälligste Kleid der ganzen Ballsaison: Claudia Roth beim Bundespresseball. Foto: dpa

Trägt diesmal nicht das auffälligste Kleid der ganzen Ballsaison: Claudia Roth beim Bundespresseball. Foto: dpa

Jäger sind die Kollegen, die gezielt nach Informationen suchen, die mit einem Plan auf jede Veranstaltung gehen, auf der auch Politiker sind, von denen Sie Neuigkeiten erfahren wollen. Das geht auf dem Presseball am besten, wenn der journalistische Besucher einen Platz am Tisch bucht. Dann hat er die Gelegenheit, den ganzen Abend mit den Tischnachbarn sehr vertieft Informationen auszutauschen, Fragen, die gerade die Republik bewegen. Also was aus der SPD wird, warum die CSU noch im Krisenmodus steckt, oder wieso Claudia Roth dieses Jahr nicht das auffälligste Kleid der Ballsaison getragen hat. Für die Jäger mit Plan ist die Tischkarte Pflicht.

Tischkarten sind teuer

Nur leider sind diese Eintrittskarten nicht billig, also eher etwas für die leitenden Damen und Herren der Fernsehanstalten und die Lobbyisten der Industrie. Außerdem gibt es keine Garantie dafür, neben genau jenem Politiker zu landen, den der Befrager gern genauer vernommen hätte. Ich saß auf dem Mainzer Landespresseball vor 25 Jahren einen ganzen Abend neben einem Öffentlichkeitsarbeiter für Kunststoffkorken. So ein Jägerabend am gebuchten Tisch kann also ganz schön in die Hose gehen.

Für Sammler wie mich  ist also die Flanierkarte das Mittel zum Zweck. Sie ist zudem deutlich günstiger, was das Controlling im heimischen Verlagshaus glücklich macht. Der journalistische Sammler wirft an so einem Abend einfach das Schleppnetz aus, indem er sich treiben lässt, durch die unzählbar vielen Räumen des kleinteilig sortierten Adlon schlendert und hier einen fetten Brocken im Gespräch aufschnappt („Seehofer wird unter Merkel Minister“)  und dort einen alten Bekannten trifft, der ihm doch bestimmt sagen kann, warum der SPD-Vorsitzende Martin Schulz nicht auf dem Presseball ist, der SPD-Generalsekretär Martin Hubertus Heil aber schon.

Die Portionen sind klein, der Hunger ist groß

Der Flanierkartengänger hat für seine Verpflegung selbst zu sorgen. Die Spitzenköche des Adlon machen einem die Auswahl nicht leicht. Lieber Creme von Muskatkürbis mit Garnelen oder das Beef Wellington klassisch? Da die Portionen klein sind und der Hunger groß ist, probiere ich am Ende von allem etwas. Das läuft alles ganz gesittet ab, mit britischer Coolness reihen sich die Gäste in lange Schlangen. Die professionellen Sammler suchen sich geschickt die Buffet-Stationen aus, die noch nicht so belagert sind. Der Tipp meines hochgeschätzten Kollegen Robert Birnbaum war Gold wert, es links hinter der Tanzfläche zu versuchen, denn dort stand kein Mensch. Danke Robert!

Flanierkartengänger auf dem Bundespresseball: der stellvertretende RHEINPFALZ-Chefredakteur Andreas Bahner. Foto: bah

Flanierkartengänger auf dem Bundespresseball: der stellvertretende RHEINPFALZ-Chefredakteur Andreas Bahner. Foto: bah

Jeder Presseball steht jedes Jahr unter einem Motto, und da der Ball von Journalistenkollegen der Bundespressekonferenz organisiert wird, treffen diese Titel oft ins Schwarze. „Perspektivwechsel“ ist der erste Presseball, an dem eine geschäftsführende Regierung im Amt ist, ohne dass bereits eine Koalition geschmiedete wäre, was die Gespräche natürlich befeuert, was dem Ball-Palaver an diesem Abend die Richtung vorgibt. Der Mann der Stunde im politischen Berlin gibt dabei den Takt vor. Glänzend gelaunt tritt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf die Tanzfläche. Der Präsident eröffnet den Ball traditionell mit dem ersten Tanz, diesmal zum Dreivierteltakt von „que sera, sera“, was auch keine schlechte Wahl ist, denn: was geschieht, geschieht. Auskunft erteilt Steinmeier natürlich nicht, aber seine Körpersprache verrät: Er will die große Koalition.

Wie immer: Die Kanzlerin fehlt

Wer fehlt? Wie immer die Kanzlerin, die in ihrer evangelisch-nüchternen Physikerart dem Tanz wie dem Smalltalk nichts abgewinnen kann. Ihre zwölfjährige Abstinenz hat, man muss es leider so deutlich sagen, dem  Ballgeschehen geschadet. Drei leibhaftige Minister zähle ich an diesem Abend, davon allein zwei von der CSU. Für Gerhard Schröder und Joschka Fischer war das größte gesellschaftliche Ereignis der Bundeshauptstadt ein fester Termin im Kalender, auf dem sich mindestens das halbe Kabinett vergnügte. In noch früheren Zeiten, bei Konrad Adenauer etwa, war der Bundespresseball ein Pflichttermin. Der Stimmung schadet das freilich nicht. Und als ich spät in der Nacht auf dem Heimweg mit dem Taxi am Kanzleramt vorbeifahre, brennt oben auf der Kanzlerebene noch Licht. Liest Angela Merkel noch ihre Akten? Dieser Gedanke hat auch etwas tröstliches.

 

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