Ruinen-Porno im Luxushotel


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Lüstern: Stuckfiguren im einstigen Luxushotel „Waldlust“. Foto: Hämmelmann

Für Spesenritter ist die RHEINPFALZ der falsche Arbeitgeber: Auf Dienstreisen hat es zweckmäßig und sparsam zuzugehen. Doch vor ein paar Wochen durfte ich auf Verlagskosten trotzdem mal für paar Stunden in ein Luxushotel im Schwarzwald. Und dort etwas miterleben, was im Englischen als Pornografie bezeichnet wird.

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Der Putz bröckelt: Seit 2005 steht das Hotel leer. Foto: Hämmelmann

Allerdings geht es beim „ruin porn“ nicht um explizite Bilder des entblößten menschlichen Körpers, sondern allenfalls um nackte Ziegelsteine, die unter bröckelndem Putz zum Vorschein kommen. Auch im Freudenstadter Schlosshotel „Waldlust“ zieren Stockflecken die Wände hinter pompösen Himmelbetten, bröselt Lack von den Türen der Luxussuiten, platzt Stuck von der Wand des edlen Ballsaals. Denn seit 2005 ist der Beherbergungsbetrieb eingestellt.

Seither kamen nur noch: Parawissenschaftler, die mit allerlei technischem Gerät nachweisen wollten, dass hier tatsächlich ein Gespenst herumgeistert. Nachwuchsfilmer, die den  Horrorstreifen „Bela Kis: Prologue“ drehten. Und Fotografen, jede Menge Fotografen, die hier gruselschöne Bilder machen wollen. So wie zwei Damen und ein Herr von „Verlassene Orte Pfalz“, mit denen ich hierhergekommen bin.

Die Truppe um den Südpfälzer Maximilian Brauer zieht alle paar Wochen los, um inner- und außerhalb der Pfalz zu erkunden, was, von Menschen erst erbaut und dann verlassen, nun vor sich hin bröckelt: alte Bunker, stillgelegte Fabriken, geräumte Kasernen. Natürlich habe ich den 30-Jährigen während unserer Tour auch gefragt, warum er eine Kameraausrüstung im Wert eines Kleinwagens kauft, um dann lauter Sachen zu fotografieren, die schon halb kaputt sind.

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Als es noch kein Internet gab: Branchenverzeichnis an der „Waldlust“-Rezeption. Foto: Hämmelmann

Für solche Momente hat er seinen Lieblingsspruch parat: „Jeder Ort erzählt seine Geschichte, man muss sie nur verstehen.“ An der „Waldlust“-Rezeption verrät uns zum Beispiel ein noch eingeschweißtes Branchen-Fernsprechbuch 1979-80, wie Menschen ohne Internet Handwerker finden  konnten. (Wobei wir allesamt alt genug sind, um uns danach auch noch ganz vage selbst zu erinnern.)

Andererseits: Wer sich über die Vergangenheit tatsächlich vor allem informieren will, könnte ebenso gut in ein Museum gehen, wo alles perfekt restauriert und mit großen Erklär-Tafeln bestückt ist. Ich vermute: Es ist gerade der Verfall, den wir Menschen ebenso schaurig wie schön und daher faszinierend finden. Schließlich malten mittelalterliche Künstler gruselige Totentänze, die Meister der Renaissancezeit ließen das Jesuskind zwischen pittoresken Mauerresten zur Welt kommen, die Romantik baute künstliche Ruinen in Parklandschaften.

„Das Colosseum“, sagte der Franzose Stendhal vor 200 Jahren, „ist heute, wo es in Trümmer fällt, vielleicht schöner als in den Tagen seines höchsten Glanzes. Damals war es nur ein Theater …“ Aber trotzdem hätte ich für die nächste Dienstreise lieber wieder ein ganz normales Hotel. Gerne auch zweckmäßig und sparsam eingerichtet.

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Fasziniert vom Verfall: RHEINPFALZ-Redakteur Christoph Hämmelmann fotografiert im einstigen Tanzsaal der „Waldlust“. Foto: Verlassene Orte Pfalz

 

Ein Gedanke zu „Ruinen-Porno im Luxushotel

  1. Maximilian Brauer

    Es war eine schöne Tour mit Christoph.

    Wir haben mal wieder richtig herzhaft gelacht und haben uns amüsiert.

    Danke für den tollen Bericht in der RHEINPFALZ und den klasse Beitrag im Blog

    Antworten

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