Schickeria-Töchter und ein harter Knacki: die Zeugen im „Chemical love“-Prozess


Von
"Chemical love" im Internet. Den Online-Dealern wird in Landau der Prozess gemacht.

Was die Kunden hier bestellten, lagerte versteckt in einem Keller im südpfälzischen Rülzheim: die Internet-Seite der Online-Dealer von „Chemical love“. Foto: Hämmelmann

Wegen Internet-Drogenhandels im ganz großen Stil ist der Hauptangeklagte im Landauer „Chemical love“-Verfahren am Freitag zu fast 15 Jahren Haft verdonnert worden. Ich war an den meisten Verhandlungstagen dabei, um für die RHEINPFALZ über das Verfahren zu berichten. So habe ich eine Menge, nun ja, interessanter Menschen erlebt. Denn Zeugen aus der Rotlicht- und der Drogenszene ließen die Richter ebenso antreten wie junge Frauen aus besserem Hause.

Schließlich ist der 31 Jahre alte mutmaßliche Boss der Online-Dealer selbst mit viel Geld aufgewachsen: Sein Vater war erst Profifußballer und dann – bis zur krachenden Pleite – ein erfolgreicher Geschäftsmann, er spendierte seinem Sohn zum 18. Geburtstag einen Mercedes. Und zum 20. einen Porsche. Doch genau das, meint der in den Prozess eingeschaltete Gutachter, war das Problem: Der Psychiater diagnostizierte „Wohlstandsverwahrlosung“.

Der Staatsanwalt im Prozess um "Chemical love", Alexander Fassel.

Hatte für den Hauptangeklagten sogar mehr als 15 Jahren Haft gefordert: Staatsanwalt Alexander Fassel. Foto: VAN

Schon früh muss der verwöhnte Promi-Sohn Drogen genommen haben, irgendwann landete er auf einer teuren Stuttgarter Privatschule. Wie es in dieser Bildungsanstalt für Problemkinder aus reichem Hause zuging, schilderte dem Gericht eine frühere Mitschülerin: anschaulich, doch mit so viel Gekicher, dass sie der Vorsitzende Richter zur Ordnung rief. Dabei hatten ihre Geschichten über schwänzenden Schickeria-Nachwuchs selbst den gestrengen Staatsanwalt grinsen lassen.

Seriöser trat kurz danach eine Blondine auf, die eine noch teurere Privatschule absolviert hat. Dass ihr Gesicht ein wenig reifer wirkte, als bei einer Endzwanzigerin zu erwarten wäre, ließ Prozessbeobachter(-innen) über Risiken ärztlicher Verschönerungskünste sinnieren. Sie selbst wiederum bekundete ihr Entsetzen über das große Tattoo, das Hand und Arm des Hauptangeklagten inzwischen schmückt: „Das ist soooo schrecklich.“

Seine Ex-Freundin sagt: Er wollte mit Luxus beeindrucken

Als er noch ohne diese Zierde durchs Leben ging, war sie mit ihm mehrere Jahre lang liiert. So hat die Frau erlebt, wie er sie mit Luxus beeindrucken wollte. Was ihm schwerfiel, denn ihr Vater ist noch viel reicher als es seiner je war: Beiläufig erwähnte die Zeugin in ihrer Aussage das mit fünf Immobilien bebaute Grundstück der Familie direkt am Ufer eines berühmten italienischen Sees. Und sie berichtete von einem Aufenthalt im Schweizer Nobel-Skiort St. Moritz.

Der Hauptangeklagte im Prozess um "Chemical love" mit seinem Anwalt Achim Bächle.

Ist mittlerweile mit einer 48-jährigen aus dem Rotlichtmilieu liiert: der Hauptangeklagte, hier im Gespräch mit seinem Anwalt Achim Bächle. Foto: van

Denn dort, so erzählte sie, wollte ihr vermeintlich so weltläufiger Freund sie damals besuchen. Was gründlich schiefging. Telefonisch habe er ihr seine Ankunft vermeldet. Und sich zugleich über fehlenden Schnee beklagt. Was sich erklärte, als sie herausfand, wo er tatsächlich hingereist war: ins ebenfalls in der Schweiz gelegene, aber fünf Autostunden entfernte und dem Meeresspiegel etwa 1400 Höhenmeter nähere Saint-Maurice.

Mittlerweile ist der 31-Jährige mit einer 48-Jährigen aus dem Rotlichtmilieu verbandelt. Wie er in diese Szene geraten war, wollten sich die Richter unter anderem von einem 34-Jährigen erzählen lassen, der momentan in Nordrhein-Westfalen im Gefängnis sitzt. Doch dass er von dort zu einem Prozess in der fernen Pfalz kutschiert worden war, empfand dieser Zeuge als lästige Störung seines ansonsten offenbar beschaulichen Knast-Alltags.

Ein Häftling aus dem Rotlichtmilieu wird als Zeuge bockig

Also schwieg er trotzig vor sich hin, während ihn die Juristen vor Ordnungshaft warnten: Ein paar zusätzliche Tage hinter Gittern schienen den Jogginghosenträger nicht weiter zu schrecken. Dann allerdings entdeckte der Vorsitzende Richter Urban Ruppert doch noch eine Möglichkeit, dem Mann schlimmere Konsequenzen zu bescheren.  Denn der bockige Häftling behauptete zwischendurch sogar höhnisch, den Hauptangeklagten gar nicht zu kennen.

Das allerdings ist nachweislich eine Lüge, und die wird bei einem Zeugen deutlich härter bestraft als bloße Renitenz. Also polterte Ruppert von seinem Richterthron herab: „Falschaussage! Zack! Gute Reise!“ Gleich darauf schwirrte noch eine weitere Idee durch den Gerichtssaal: Wenn es diesen Zeugen so sehr nerve, wenn er nach Landau müsse, dann, meinten grinsende Juristen, könnte man ihn doch einfach noch einmal einbestellen – strafweise sozusagen.

Das allerdings haben sich die Richter dann doch lieber erspart. Doch die, nun ja, interessanten Menschen werden die Justiz über diesen Tag hinaus beschäftigen. Der einst reiche Vater des Hauptangeklagten zum Beispiel ist ebenfalls in den Fall verstrickt, auch ihm droht deshalb noch ein Prozess.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.