Stigmatisieren Medien psychisch Kranke?


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Terroranschlag in Nizza: Angeblich war der Täter "depressiv". Und was sagt uns das jetzt? (Foto: DPA)

Terroranschlag in Nizza: Angeblich war der Täter „depressiv“. Und was sagt uns das jetzt? (Foto: DPA)

In unserem Bericht über den „Autokratzer“ von Frankenthal vom 1. September heißt es, der Täter sei „offenbar psychisch krank“. Mit dieser Information haben wir den Text auch bei Facebook geteilt. Einige Leser haben daraufhin kritisiert, der Hinweis sei unangebracht und würde Menschen mit psychischer Erkrankung stigmatisieren. Tenor der Kritik: Es gebe keinen Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung und Straftat, die Information sei daher nicht relevant. Außerdem wurde uns stellvertretend für „die Medien“ vorgeworfen, wir würden mit unserer „medialen Macht“ sorglos umgehen und Stigmatisierung fördern. Wir haben in der Redaktion darüber kontrovers diskutiert: Haben sie recht? Warum nennen wir Journalisten etwas und warum nicht? Und was bedeutet das für das Etikett „psychisch krank“?

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Zuerst einmal: Die Kritik ist natürlich absolut legitim, weil sie ein Kernproblem der Wirklichkeitsabbildung beschreibt. Die Welt ist verdammt komplex. Wir Journalisten stehen täglich vor der großen Herausforderung, diese Komplexität zu vereinfachen, um sie überhaupt vermitteln zu können, und trotzdem eine möglichst adäquate Abbildung der Wirklichkeit zu liefern. Das ist ein Spannungsfeld, in dem natürlich unbeabsichtigt Fehler passieren können – wir sind auch nur Menschen. Konkret heißt also die Herausforderung: Was muss in den Text und was nicht? Wann erzeugt das Auslassen oder Hinzufügen von Informationen Manipulation von Wirklichkeit? Erkenntistheoretisch könnte man wohl behaupten „immer“ und wäre dann auf der sicheren Seite. Aber seien wir ehrlich: Für den Alltag kann das höchstens als ständige Mahnung zur Sorgfalt dienen und keine journalistische Arbeitsgrundlage sein.

Ein prominentes Beispiel ist die – in der Medienbranche, aber erstmals auch von Lesern geführte – Debatte um die Nennung von Nationalitäten bei Straftätern. Hier ging es ja darum, dass die Befürworter mutmaßten, es würden sonst Straftaten und Delikte von Flüchtlingen vertuscht. Aber genau wie bei psychischen Erkrankungen ist die tatsächlich dahinter stehende Frage natürlich eine andere. Nämlich ob eine bestimmte Eigenschaft in irgendeiner Form Täterschaft begründet oder verstärkt. Oder, ob es nicht einfach vollkommen belanglose Merkmale eines Menschen sind, die nur dem soziologischen Schubladendenken dienen. Eine Statistik zur Kriminalität unter Blauäugigen oder Kleinwüchsigen gab es zumindest unserer Erkenntnis nach noch nicht.

Wie gehen wir also damit um? Der deutsche Pressekodex, dem sich natürlich auch die RHEINPFALZ-Redaktion verpflichtet fühlt, gibt dazu einige Richtlinien an die Hand. Grundsätzlich gilt, dass die Privatsphäre zu schützen ist. Zudem heißt es unter Punkt 8.6.:

Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden gehören zur Privatsphäre. In der Regel soll über sie nicht ohne Zustimmung des Betroffenen berichtet werden.

Dem entgegen steht der in Punkt 8.1 festgelegte Anspruch der Öffentlichkeit, bei Straftaten umfassend informiert zu werden. Die entscheidenden Kriterien für eine Veröffentlichung sind also, ob die Eigenschaft (Nationalität, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit) für das Verständnis der Tat oder des Prozessverlaufs relevant ist und ob dadurch Minderheiten diskrimiert werden könnten. Das lässt Interpretationsspielraum. Unser Anruf beim Presserat in Berlin bringt auch kein Patentrezept zu Tage. Es gilt also: Journalisten müssen bei jedem Fall aufs Neue abwägen, welches Interesse überwiegt.

Wenn beispielsweise ein Gutachter vor Gericht eine psychische Erkrankung feststellt und diese dann als Grundlage für das Strafmaß dient, dann müssen die Leser das erfahren. Ansonsten kann das Urteil von der Öffentlichkeit nicht nachvollzogen werden. Und solange das in der deutschen Rechtsprechung so ist, müssen Medien auch darüber berichten. Wenn ein Mörder Stimmen hört, die ihm angeblich die Tat befohlen haben und auch das durch einen Experten nachvollzogen und in die Tatbetrachtung eingebracht wurde, dann ist das ebenfalls eine relevante Informationen. Mit Stigmatisierung hat das nichts zu tun.

Missbrauchen Medien ihre Meinungsmacht? (Foto. DPA)

Missbrauchen Medien ihre Meinungsmacht? (Foto: DPA)

Das kann aber auch schiefgehen. Und manchmal muss man sich schon fragen, ob hinter bestimmten Formulierungen und vermeintlichen Erkenntnissen nicht das Kalkül steht, besonders viel Aufmerksamkeit auf die eigene Berichterstattung zu lenken. Auf Kosten anderer Betroffener. Ziemlich laut hieß es beispielsweise nach dem Terroranschlag von Nizza, der Täter sei „depressiv“ gewesen. Nun zeichnet sich das Krankheitsbild der Depression aber überhaupt nicht durch Aggression gegen Mitmenschen aus. Nachweislicher Zusammenhang zur Tat: Fehlanzeige. Vielleicht schimmert hier das fatale Bedürfnis durch, den Menschen einfache Erklärungsmuster für das zunehmend Unerklärliche, für irrationale Verhaltensweisen zu liefern. Wir sollten dieser Versuchung nicht erliegen. Komplexität muss ausgehalten werden. Fehlende Erklärungen müssen ausgehalten werden.

Journalisten benötigen also die Sachkompetenz, um einen hergestellten Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Taten zu begründen. Wenn diese nicht vorhanden ist, muss recherchiert werden. Hier ist durchaus Selbstkritik angebracht. Viele Meldungen kommen von der Polizei und werden nach der Klärung einzelner Punkte mit den zuständigen Beamten auch so veröffentlicht. Wir vertrauen der Polizei als Informationslieferanten also immer erst einmal – es sein denn, es bestünde berechtigte Zweifel an einem Sachverhalt. Dann gehen wir der Sache selbstverständlich nach. Würde man aber jede Polizeimeldung komplett von vorne bis hinten infrage stellen, würden Sie als Leser nur alle zwei bis drei Tage eine Zeitung in der Hand halten. In einem sehr kritischen Beitrag in der Zeitschrift Psychiatrische Praxis heißt es dazu: „Nicht verkannt werden soll […] die äußerst schwierige Aufgabe der Medien einerseits eine rasche und gründliche Information bereitzustellen, andererseits aber nicht skandalisierend oder stigmatisierend zu berichten.“ Das kann man natürlich bedenklich finden. Andererseits grenzt es auch an Verschwörungsfantasie, der Polizei systematische Falschinformation zu unterstellen.

In dem Frankenthaler Fall war tatsächlich eine subjektive Einschätzung der Beamten Grund für die Formulierung unserer Meldung. Aus der Aussage des mutmaßlichen Täters, er habe aus einem „inneren Drang heraus gehandelt“ , schlossen die Polizisten, er sei „offenbar psychisch krank“ und teilten das im Gespräch auch so mit. Auf Nachfrage wurde diese Einschätzung wiederholt, es hieß aber jetzt auch: Es gebe ansonsten weder eine belastbare Diagnose noch einen Hinweis auf eine ärztliche Behandlung. Das ist keine böse Absicht der Behörde, aber es ist mit Sicherheit auch nicht zielführend. Zwischenfazit: Unsere Leser hatten mit ihren kritischen Hinweisen in diesem Fall recht.

Bleibt natürlich noch die etwas theoretische Frage, ob a) die Medien systematisch eine zunehmende Stigmatisierung fördern würden.  Und b) ob die Kategorien „psychisch krank“ und „psychisch gesund“ überhaupt angewandt werden sollten. Dazu forderte eine Leserin: „Definieren sie doch einmal genau psychisch krank und erklären sie dabei gleich den Unterschied des Verhaltens zu den „Normalen“ (sic!) immer in Hinblick auf Straftaten.“

Zu a): Nein. Man kann sogar durchaus der Meinung sein, dass psychische Erkankungen gesellschaftlich immer weiter entstigmatisiert werden. Wer sich einmal mit der unschönen Geschichte der Psychiatrie und der gesellschaftlichen Rolle der Geisteskrankheit befasst, wird das leicht nachvollziehen können. Dass immer noch Stereotypen und Benachteiligungen existieren ist fatal, aber als Phänomen sicher eher auf dem Rückzug als auf dem Vormarsch. Was die Rolle der Medien betrifft, stellt das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit fest:

Mit dem zunehmenden Bewusstsein und Interesse der Öffentlichkeit für psychische Erkrankungen, deren Ursachen und Behandlung sind skandalisierende Titelstorys die Ausnahme geworden.

Das deckt sich mit unserer eigenen Erfahrung. Gerade in der deutschen Presse gibt es Jahr für Jahr tolle Reportagen und Recherchen zu lesen, die psychische Erkrankungen genau wie andere Erkrankungen nicht als Normabweichung, sondern als natürlichen Bestandteil des Menschseins begreifen.

In Bezug auf Straftaten und Gewalt sei die Berichterstattung laut dem Bericht allerdings immer noch eher negativ. Das ist natürlich selbst eine höchst selektive Einschränkung. Vielleicht liegt es ja daran, dass Straftaten selten erfreuliche Ereignisse darstellen. Wie „negativ“ definiert wird, bleibt zudem offen. Ist beispielsweise die Nennung der Erkrankung schon negativ? Aber es stimmt: In diesem Bereich muss sich der Journalismus die berechtigte Kritik gefallen lassen, immer mal wieder die eigenen Standards zu sehr auf die leichte Schulter zu nehmen.

zu b): Möchte man manchen Psychiatriekritikern, wie dem französischen Philosophen Michel Foucault, folgen, könnte man sagen: Die Diagnose einer psychischen Erkrankung war historisch betrachtet immer nur ein Mittel, um gesellschaftlich abweichendes Verhalten zu sanktionieren, es greifbar und bennenbar zu machen. Die Psychiatrie also als moralisch-normative Haftanstalt und die psychische Erkrankung als abwertender Stempel für denjenigen, der sich nicht an vorherrschende Normen halten wollte. Sozialistische Patientenkollektive erklärten in den 60er Jahren gerade die „gesunde“ Gesellschaft als „krankmachend“.

Man kann und muss die Sinnhaftigkeit von Begrifflichkeiten wie „krank“ und „gesund“ in einer Gesellschaft diskutieren. Auch in den Medien. Für den journalistischen Alltag sind oben genannte Überlegungen bis dahin aber zielführender – vorausgesetzt sie werden angewandt: Unaufgeregte Abwägung anhand fundierter Expertenmeinungen und der Richtlinien des Pressekodex. Fehler seitens der Medien oder der Behörden, denen sie vertrauen, sind wie überall auch möglich. Mutwillig sind sie dagegen nicht.

 

Ein Gedanke zu „Stigmatisieren Medien psychisch Kranke?

  1. Jutta Krause

    ***Wenn beispielsweise ein Gutachter vor Gericht eine psychische Erkrankung feststellt und diese dann als Grundlage für das Strafmaß dient, dann müssen die Leser das erfahren. Ansonsten kann das Urteil von der Öffentlichkeit nicht nachvollzogen werden. Und solange das in der deutschen Rechtsprechung so ist, müssen Medien auch darüber berichten. Wenn ein Mörder Stimmen hört, die ihm angeblich die Tat befohlen haben und auch das durch einen Experten nachvollzogen und in die Tatbetrachtung eingebracht wurde, dann ist das ebenfalls eine relevante Informationen. Mit Stigmatisierung hat das nichts zu tun.***

    Bloß, dass es sich bei der Berichterstattung nur um eine Solche hält und nicht um eine Gerichtsverhandlung. Ob der Täter psychisch krank ist und die Tat auf diese Krankheit zurückzuführen ist, entscheiden Gutachter, die vom Gericht, dem Ankläger oder der Verteidigung bestellt sind. Und nur dann kann eine Erkrankung ins Urteil mit einfließen.

    Erklärt und rechtfertigt aber noch immer nicht, wieso Medien ‚mögliche‘ Erkrankungen und daraus ‚möglicherweise‘ resultierende Straftaten in die Berichterstattung einbringen. Auf mich wirkt das wie vorverurteilen, nicht wie unparteiische Berichterstattung.

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