Wenn die AfD bei der Lücken-, Lügen- und Systempresse abschreibt


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Systempresse, Lückenpresse, Lügenpresse: AfD-Anhänger schimpfen gerne auf die Medien. Kein Wunder, dass die Partei ihrer Wahl darauf verzichtet, sich für ihre Arbeit im Landtag mit unseren Berichten zu wappnen. Die von ihr gerne als „Altpartei“ geschmähte CDU hält es anders. Sie wedelt gerne mit kritischen Zeitungsartikeln, wenn sie der Regierung Fehler vorhalten will.

Als der CDU-Abgeordnete Bernd Seekatz neulich in einer Ausschusssitzung Innenminister Roger Lewentz (SPD) ein paar bohrende Fragen stellen wollte, reichte ihm zur Begründung ein knapper Satz: „Ich denke, wir alle haben heute Morgen die RHEINPFALZ gelesen.“ Umgekehrt berief sich gleich darauf auch die SPD auf Medienberichte, als sie Lewentz darum bat, mehr über die fulminanten Fahndungserfolge rheinland-pfälzischer Internet-Ermittler zu erzählen.

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Hat eine schmissige Pressemitteilung verschickt: Joachim Paul. Foto: AfD RLP

Die AfD hingegen verlässt sich wacker auf sich selbst, wenn sie Missstände anprangern will. Ihr bildungspolitischer Sprecher Joachim Paul zum Beispiel veröffentlichte eine Pressemitteilung, in der es um eine neue Beratungsstelle geht. Im Auftrag sowie mit dem Geld des Landes soll sie sich um die Angehörigen junger Islamisten kümmern und so dabei helfen, potenzielle Nachwuchs-Terroristen wieder in die Gesellschaft integrieren. Der Koblenzer AfD-Kreischef kritisiert vor allem, an wen die Regierung diesen Auftrag vergeben hat.

Die schwierige Aufgabe übernimmt ein Mainzer Institut, das sich bislang vor allem um schlecht qualifizierte Arbeitssuchende kümmert. Paul findet: Den radikalisierten Jugendlichen hätte sich doch besser eine Organisation widmen sollen, die zum Beispiel Religionswissenschaftler in ihren Reihen hat. Stattdessen, klagt der Gymnasiallehrer und Burschenschafter, kam ein Träger zum Zug, der auf seiner Internet-Seite vor allem seine hervorragenden Beziehungen zur SPD und zu den Grünen dokumentiert.

Von ein paar Feinheiten abgesehen, hätte ich das so ähnlich schreiben können. Besser gesagt: Von ein paar Feinheiten abgesehen, habe ich das so ähnlich geschrieben – mein Bericht und ein Kurzkommentar erschienen einen Tag vor Pauls Pressemitteilung. Bei anderen Politikern würde ich jetzt vermuten, dass sie beide Texte gelesen und anschließend dankbar für ihre eigene Stellungnahme verwertet hätten. Andere Politiker hätten aber auch ihre Quelle erwähnt.

Paul hingegen ist nun mal bei der AfD. Und seine Wähler würden es ihm bestimmt verübeln, wenn er sich an die System-, Lücken- und Lügenpresse hält. Aber vielleicht liest er uns doch manchmal heimlich, so wie man es mit Schmuddelheftchen eben tut: eingelegt in die „Junge Freiheit“ oder in die „Burschenschaftlichen Blätter“. Oder wenigstens in die „Wehrtechnischen Hefte“.

 

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