Wie Facebook meine Meinung zur „Hitler-Glocke“ verändert


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Mit Hakenkreuz und Propagandaspruch: die Herxheimer "Hitler-Gocke".

Mit Hakenkreuz und Propagandaspruch: die Herxheimer „Hitler-Glocke“.

So richtig nachgedacht habe ich anfangs gar nicht darüber, wie ich zur Debatte um die Herxheimer „Hitler-Glocke“ stehe. Spontan hätte ich wohl gesagt: Soll sie ruhig weiterbimmeln. Schließlich hört man ihr nicht an, dass auf ihrer Außenwand ein Hakenkreuz prangt. Und außerdem sind die allermeisten Menschen in unserem Land doch immun gegen nationalsozialistisches Denken. Doch seit Dienstag habe ich Zweifel.

Da war ein Artikel meines Kollegen Andreas Ganter erschienen. Er hatte unter anderem gefragt, wie der Zentralrat der Juden zu diesem Fall steht. Und von Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats, eine klare Antwort bekommen: „Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass eine solche Glocke überhaupt in einer Kirche hängen geblieben ist.“ Sie solle vom Turm geholt und in einem historischen Museum übergeben werden. Um 7.02 Uhr hatte unsere Onlineredaktion diesen Text auch bei Facebook gepostet.

Abstruse Kommentare zur „Hitler-Glocke“ bei Facebook

Ist dafür, dass die Herxheimer "Hitler-Glocke" abgehängt wird: Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Foto: dpa

Ist dafür, dass die Glocke abgehängt wird: Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Foto: dpa

In den Folgestunden hatten die Kollegen vor allem die Kommentarflut zu bewältigen. Natürlich posteten viele Leute, die sich, sei es zustimmend oder widersprechend, mit Schusters Forderung sachlich auseinandersetzten. Dazu kam aber auch eine Menge abstruses Zeug. Zum Beispiel von einer Frau, die auf Mahnmale verwies, die an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnern. Und die befand, dass deshalb auch Propaganda-Hinterlassenschaften aus jener Zeit erhalten bleiben sollten – offenbar im Sinne der Ausgewogenheit.

Die schlimmsten antisemitischen Ausfälle wurden gelöscht

Vielfach bemüht wurde auch: das Autobahn-Beispiel. Mehrspurig ausgebaute Verkehrsachsen gelten wohl auf immer und ewig als ebenso nationalsozialistisch wie Hakenkreuze. Mögen Historiker auch wieder und wieder darauf hinweisen, dass Konrad Adenauer als Kölner Oberbürgermeister schon 1932  eine „kreuzungsfreie Kraftfahr-Straße“ nach Bonn in Betrieb nahm. Doch sei’s drum, vor allem waren da diverse Kommentatoren, die befanden, dass „die Juden“ hier in Deutschland, „bei uns“, nichts zu melden hätten. Und dass sie gefälligst auswandern sollten, wenn ihnen hier etwas nicht passe.

Die schlimmsten antisemitischen Ausfälle haben die Kollegen gelöscht. Doch auch ein Teil dessen, was stehengeblieben ist, kann noch erschrecken. Offenbar ist die Immunität gegen nationalsozialistisches Denken in unserem Land doch geringer, als ich dachte.

 

5 Gedanken zu „Wie Facebook meine Meinung zur „Hitler-Glocke“ verändert

  1. Andreas Birkigt

    Das kann niemanden überraschen, der verfolgt hat, wie sich der Raum für politischen Diskurs in den letzten beiden Jahren nach rechts verschoben hat. Dieses „das wird man dich wohl noch sagen dürfen“ hätte von allen anständigen Deutschen von Anfang an viel entschiedener zurückgewiesen werden müssen: „nein, das darf man nicht. Nicht, wenn man ein anständiger Mensch ist.“ Stattdessen haben wir den Kopf geschüttelt und geschwiegen.
    Schweigen ermutigt Täter. Das war immer so und wird immer so sein.

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  2. Privat

    Ich wünsche mir, dass sich viel mehr Menschen, genau wie der Verfasser dieses Artikels, ihre Meinung aufgrund verschiedener Standpunkte bilden. Die Facebook Kommentare sind teilweise erschreckend …

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  3. Katja Winkler

    Ich finde die Hetzkampagnen gegen die AfD, die eine demokratische Partei ist, viel schlimmer..
    Die Glocke in Herxheim hat seit Jahrzehnten ‚gebimmelt‘, auch direkt nach dem Krieg..
    Keinen hat’s gestört – aber jetzt wird ein Gewese drum gemacht, als wäre 1945 nicht schon vor 72 Jahren, sondern gestern gewesen… Dieses ganze Theater ist so heuchlerisch…

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  4. Uhbe

    Es ist für mich immer wieder unverständlich wie man mit einem “ die Glocke abhängen“ oder wie man beim Bildersturm in den BW Kasernen die Vergangenheit einfach auslöchen will als sei nichts gewesen.
    Die Vergangenheit ist faktisch mit allen Einzelheiten gewesne, sie ist passiert.
    Dazu sollte man sich stellen. Die Idee eine Erklärung zur Geschichte der Glocke anzubringen scheint gar nicht so schlecht.
    Der Gemeinderat kann in seiner Sitzung Schillers „Die Glocke“ zitieren und jede Hype ausschließen.

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  5. Helmut Leppla

    Ich bin vielleicht ein bisschen spät dran mit meiner Meinung, aber ich äußere sie trotzdem. Ich sehe zwei Optionen : entweder die Glocke abhängen, oder die Symbole kpl. abflexen. Was ich aber noch hinzufügen will und muss: Die Verharmloser, und noch schlimmer ,die Leugner sind unter uns und werden jünger!

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