Yeah, Yeah, Yeah!


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Das Foto der „Beatles“, wie sie 1969 über einen Zebrastreifen marschieren, hat diesen

Plattencover des 1969 erschienenen Beatles-Albums „Abbey Road“.

Fußgängerüberweg in der Londoner Abbey Road weltberühmt und zur Touristenattraktion gemacht. Diese Woche erlebte die RHEINPFALZ unverhofft live mit, wie Bauarbeiter diesen legendären Zebrastreifen wegfrästen. Ein Schock für alle Beatles-Fans?

Doch der Reihe nach: „Im Nachhinein“ heißt die Kolumne, die jeden Samstag auf der Seite „Südwestdeutsche Zeitung“ der RHEINPFALZ erscheint. Dort schreiben abwechselnd die Mitglieder des Südwest-Ressorts: Martina Röbel, Petra Depper-Koch, Christoph Hämmelmann, Andreas Ganter, Jürgen Müller und Rolf Schlicher. Stets geht es um kleine Randnotizen aus der Pfalz und Rheinland-Pfalz, lustige Besonderheiten, die Geschichten hinter der großen Geschichte. Stets erzählt mit einem Augenzwinkern.

Diese Woche war ich an der Reihe mit dem „Im Nachhinein“. Als Thema hatte ich mir eine Sache vorgenommen, die seit Wochen in Trier für Aufregung sorgt. Die Römermetropole gilt als heimliche „Hauptstadt der Zebrastreifen“. Auf 110.111 Einwohner kommen dort 239 Zebrastreifen. Zum Vergleich: Berlin hat 3.671.000 Einwohner und 502 Zebrastreifen,  Ludwigshafen: 167.611 Einwohner und 132 Zebrastreifen, Kaiserslautern: 100.569 Einwohner und 84 Zebrastreifen.

Doch der Zebrastreifen-Reichtum ist Trier zu einer schweren Last geworden. Denn neue Vorschriften und technische Normen machen auch bei Fußgängerübergängen nicht Halt: Gut ausgeleuchtet müssen sie sein, gut markiert, sinnvoll platziert und für Autofahrer gut einsehbar. Bei der Trierer Stadtverwaltung kam man nach einer internen Überprüfung zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Zebrastreifen diesen Anforderungen nicht mehr genügen. Der Baudezernent schockte die Trierer Bevölkerung mit der Ankündigung, dass 138 der 239 Zebrastreifen wegfallen sollen. Schlicht deshalb, weil die Nachrüstung dieser Überwege der Stadt zu teuer ist. Was folgte, war ein Aufschrei der Kommunalpolitiker und wütende Proteste der Bürger. Der richtige Stoff also für ein „Im Nachhinein“.

Was liegt beim Thema Zebrastreifen näher, als kurz mal auf das berühmteste Exemplar dieser Gattung zu schauen – ein Blick also nach London in die Abbey Road. Einfach möglich ist dies durch eine Webcam, die permanent auf diesen Zebrastreifen gerichtet ist und davon Bilder in die Welt sendet. Als ich mir am Donnerstag gegen 11 Uhr diese Internetseite aufrief, offenbarte sich mir Erstaunliches: Baufahrzuge und Straßenarbeiter, die einen neuen Teerbelag auf die Abbey Road walzten, dazu Absperrungen – vom Zebrastreifen war nichts mehr zu sehen.

War dies eine Sensation? War ich live dabei, wie ein Bautrupp ein Dokument der Zeitgeschichte ruinierte? So wie jene Putzfrau, die einst in der Kunstakademie in Düsseldorf Joseph Beuys Skulptur aus fünf Kilogramm deutscher Markenbutter – später „Fettecke“ genannt – einfach als unappetitlichen Müll entsorgt hatte.

RHEINPFALZ-Redakteur auf dem Zebrastreifen in der Londoner Abbey Road – mit der Beatles-CD in der Hand.

2011 hatte ich selbst auf diesem Zebrastreifen gestanden und mich natürlich fotografieren lassen. Alles unwiederbringlich verloren, alles nicht mehr wiederholbar? Ich schrieb Mails an die Pressestelle der Abbey Road Studios, auf deren Dach die Webcam montiert ist. Ich schrieb Mails an die Bezirksverwaltung der City of Westminster. Vielleicht konnte ich diesen Skandal noch stoppen. Doch niemand reagierte an diesem Tag. Am späten Nachmittag schaute ich noch einmal auf die Internetseite mit der Webcam: Ich sah, wie gerade ein Bauarbeiter neue Streifen auf die neue Straße malte. Eine billige Kopie also! Und Täuschung all der Touristen, die zu Hunderten jeden Tag über dieses Stück Abbey Road laufen und denken, sie berühren die Streifen, auf denen 1969 George, Ringo, Paul und John bei den Fotoaufnahmen für das Plattencover standen.

Am nächsten Tag kam eine Nachricht von Phil Scullion, offenbar bei der Bezirksverwaltung der City of Westminster für die Pressearbeit zuständig:

„Hi Rolf, It’s just temporary works.  They’re done today I understand. Phil“

Aha. Ich schrieb Phil zurück, dass damit doch der Original-Beatles-Zebrastreifen im Eimer sei – so wie damals Beuys Fettecke. Phils Antwort war desillusionierend:

„We’ve refurbed it – which we do regularly. Every 10-15 years or so. Phil”

Die Webcam zeigt: Bauarbeiter malen einen neuen Zebrastreifen auf die Abbey Road.

Das heißt: Wohl schon 1978 oder spätestens 1983 war der berühmte Abbey Road-Zebrastreifen durch eine krude Fälschung ersetzt worden. Dabei hatte 2010 der damalige britische Minister für Tourismus und Denkmalschutz, John Penrose, erklärt, als Anerkennung der weltweiten Berühmtheit der Beatles sei der Fußgängerüberweg vor den Abbey Road Studios auf eine Liste erhaltenswerter Kulturgüter gesetzt worden. Da war dieser Zebrastreifen vermutlich schon ein paar Mal abgeschleift, überteert und erneuert worden. Was für eine Geschichte. Aber leider spielt sie in London. Und nicht in Trier. Oder in der Pfalz.

Was ich an diesem Abend gemacht habe? Ich habe mir die „Abbey Road“ aus meinem CD-Regal geholt und zweimal komplett angehört. Es ist von „Come together“, dem ersten Stück, bis zu dem 23-Sekunden-Schlussschnipsel „Her Majesty“ ein Meisterwerk. Auch im Nachhinein noch!

 
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Rolf Schlicher

Über Rolf Schlicher

Geboren 1955 am Fuße des Betzenbergs. Während des Studiums (Politikwissenschaften, Germanistik) Volontariat bei der RHEINPFALZ. Leitet dort seit 2000 das Ressort „Südwestdeutsche Zeitung“. Für sein Buch "Das Pfälzer Tischleindeckdich" erhielt er den Medienpreis Pfalz des Bezirksverbandes.

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