Ähm …!!!!111


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Sinnvolles Stilmittel oder überflüssige Satzzeichen? Die drei Punkte. Foto: FKK

Sinnvolles Stilmittel oder überflüssige Satzzeichen? Die drei Punkte. Foto: FKK

Wenn ich während meines Volontariats – also der Ausbildung zur Redakteurin – Sätze in Artikeln mit drei Punkten beendete, weil ich das für ganz hip und künstlerisch wertvoll  hielt, kam meist ein mahnender Redakteur um die Ecke und hat sie mir wieder gestrichen. Wenn ich nicht wüsste, wie der Satz endet, hätte ich mir gefälligst Gedanken zu machen, bevor ich in die Tasten haue – so die Begründung. Ich gehörte zu der Sorte Volontären, die sich in Situationen wie diesen zwar in der eigenen künstlerischen Tiefgründigkeit etwas missverstanden fühlen, aber dennoch verständnisvoll nicken und sich das Gesagte anstandslos hinter die Ohren schreiben. Wie die Sprüche „,Im Rahmen‘ schreibt man nicht, da hängt nur das Bild“ oder „vermeide –ung und –keit-Wörter“ brannte sich auch die Lehre über die überflüssigen drei Punkte bei mir ins Hirn. Mit dem Ergebnis, dass ich heute eine der Redakteurinnen bin, die bei drei Punkten, die eindeutig aus hilfloser Unentschlossenheit und nicht aus künstlerischer Tiefgründigkeit entstanden sind, mahnend den Finger heben will. Die Menschen, die diese drei Punkte gehäuft  zu Papier bringen pfeifen allerdings in der Regel auf mahnend gehobene Finger. Und auf Papier schreiben sie auch nicht, denn ihre Bühne ist das Internet. Genauer gesagt Facebook.

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Freud und Leid der Facebook-Kommentare

Zu unserem Job in der Onlineredaktion gehört unter anderem, jeden Kommentar in Augenschein zu nehmen, der unter einem Beitrag auf der Facebookseite der RHEINPFALZ hinterlassen wird.  „Wirklich jeder?“, ist die durchaus mit Mitleid unterlegte Frage von Freunden beim Smalltalk an Grillabenden und beim Kaffeeplausch. „Ja, wirklich jeder“, sage ich dann. Und das ganz ohne Selbstmitleid. Denn natürlich kann ich „danke Merkel“, „wann wacht ihr endlich auf?“ oder „gibt es keine wichtigeren Themen?“  nicht mehr lesen und habe Ihnen zuliebe darauf verzichtet, originalgetreu alles in Großbuchstaben und mit reichlich Ausrufezeichen in die Tasten zu brüllen. Aber die Auseinandersetzung mit unseren Facebook-Fans bringt auch viel Freude: Es ist schön zu beobachten, wenn sich unter Artikeln Diskussionen entspinnen und wir sehen können, dass die Themen, über die wir berichten, die Menschen bewegen. Und anders als von dem ein oder anderen unterstellt, können wir auch Meinungen, die nicht mit unserer übereinstimmen, gut aushalten. Es sei denn, sie sind gespickt mit Beleidigungen oder Hetze. Dann greifen unsere Verhaltensregeln und wir löschen die Kommentare.

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Als könnte man den Menschen beim Denken zusehen

Was allerdings noch nicht unter digitaler Strafe steht – und das bedaure ich insgeheim sehr –, ist die inflationäre und vollkommen unangebrachte Benutzung von drei Punkten. Fast wirkt es, als gäbe es ein Gesetz, das Facebook-Kommentare erst dann zulässt, wenn sie drei Punkte enthalten. Und scheinbar gehen die gesetzestreuen Facebook-Nutzer da auf Nummer sicher. Einmal drei Punkte reichen hier nicht. Und während ich als Volontärin meine drei Punkte wenigstens ans Ende eines Satzes stellte, tauchen sie bei Facebook an jeder beliebigen Stelle auf. Es ist beinahe so, als könnte man den Menschen beim Denken zusehen. Und gelegentlich auch beim Nichtdenken. Das gute alte „Ähm“ hat in den drei Punkten sein geschriebenes Synonym gefunden.

Als Pause zwischen den Gedanken: „Das geht gar nicht … sowas macht man nicht … wo kommen wir denn dahin?“ Oder mittendrin: „ist bei uns … auch so. Haben einen ähnlichen Hund…der immer ängstlich auf Fremde reagiert.“ Mein persönlicher Liebling sind die Punkte am Anfang: „…das finde ich nicht schlimm. Ich mache das selbst gerne.“  

Drei Punkte sind auch nicht immer drei Punkte. Drei Punkte sind gelegentlich zwei Punkte und viel zu oft sind drei Punkte bis zu sieben Punkte. Für uns macht es das Lesen der einzelnen Kommentare tatsächlich schwierig. Wir müssen uns oft genug die drei Punkte wegdenken, fünf der sieben Ausrufezeichen streichen, in Gedanken die Feststelltaste deaktivieren oder hier und da ein fiktives Komma setzen, um der Argumentation manch eines Kommentares folgen zu können.

Alles geht irgendwann vorbei

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Den mahnenden Finger kann man sich aber getrost sparen. Denn wenn auf etwas im Internet Verlass ist, dann auf die Vergänglichkeit. Vielleicht geht es den drei Punkten bald wie dem Einhorn, das erst großer Hype war und dann vom Flamingo abgelöst wurde. Oder wie die „Trash Dove“, die gerade noch headbangend Facebook dominierte und kurz darauf von der Bildfläche verschwunden ist. Was aber auch gewiss ist: Der nächste Sprachtrend folgt bestimmt. Bis dahin …

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Yannika Hecht

Über Yannika Hecht

Yannika Hecht, Jahrgang 1991, ist zwar gebürtige Münchnerin, aber überzeugte Wahlpfälzerin. Sie hat im Juni 2016 das zweijährige Volontariat bei der RHEINPFALZ abgeschlossen und ist Redakteurin in der Onlineredaktion. Ihre Texte erscheinen unter dem Kürzel yah.

Ein Gedanke zu „Ähm …!!!!111

  1. Sabine Stegmann

    Ein wunderbarer Artikel! Diese 3 Punkte haben sich auch bei mir immer mal wieder eingeschlichen (nur nicht mitten im Satz). Nachdem ich dies jedoch nun gerade gelesen haben, wird es Zeit für ein achtsameres Schreiben. Ich musste sehr schmunzeln 🙂 Toll!

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