Pfalz – Zürich – Pfalz: ein Abschied


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Die beiden Schweizer Autoren Ursula Bauer und Jürg Frischknecht sind begeisterte Wanderer und Naturliebhaber – aus ihrer Leidenschaft entstand ein neuer Typ von Wanderführer: das Lesewanderbuch.

Jürg Frischknecht und Ursula Bauer, Foto: Rotpunktverlag/Copyright: SRF/Oscar Alessio

Jürg Frischknecht und Ursula Bauer, Foto: Rotpunktverlag/Copyright: SRF/Oscar Alessio

Solch ein Exemplar ist mehrere hundert Seiten dick und schwer – nimmt man es trotzdem gerne im Rucksack mit? Vorab soviel: Indirekt haben Bauer/Frischknecht dazu beigetragen, dass aus meiner RHEINPFALZ-Serie „Die schönsten Picknickplätze der Pfalz“ 2015 ein Buch wurde – „das Pfälzer Tischleindeckdich“. Was ist das Geheimnis der beiden Schweizer?

Vor zehn Jahren fiel mir zufällig das Buch „Antipasti und alte Wege – Valle Maira, Wandern im anderen Piemont“ von Bauer und Frischknecht in die Hände. Das Tal wird „das schwarze Loch Europas“ genannt. Nirgendwo haben sich die Alpen mehr entvölkert.

Buchtitel: "Antipasti und alte Wege". Foto: Rotpunktverlag

Buchtitel: „Antipasti und alte Wege“. Foto: Rotpunktverlag

Ein paar Enthusiasten haben im Valle Maira vor 20 Jahren einen alten Wanderpfad reaktiviert, der in 13 Etappen das lange Tal hoch und wieder herunter führt. Von 600 Meter geht es über die Gardetta-Hochebene auf 2335 Meter. Alle Hoffnungen, das Tal wiederzubeleben, beruhten auf dieser Wanderstrecke, Bauer/Frischknecht haben dazu 1999 ein faszinierendes Buch geschrieben. „Antipasti und alte Wege“ liegt inzwischen bereits in der achten Auflage vor – das Buch hat zu dem touristischen Aufschwung des Tals entscheidend beigetragen. Und ist so selbst zu einem Erfolg geworden.

Ich hatte vorher noch nie solch eine lange Rucksackwanderung gemacht. Und man überlegt es sich vorher dreimal, ob man dazu solch ein schweres Buch mitnimmt. Aber schon nach dem Blick auf die ersten Seiten ist klar: das Buch muss mit. Lesewanderbücher nennen die beiden Schweizer ihr Werke. Die beiden lieben Weitwanderungen, bei denen man wegen der vielen Höhenmeter häufiger ins Schwitzen kommt und schon einmal zehn Stunden am Tag unterwegs sein kann. So zeigt ihr erstes gemeinsames Buch, „Grenzschlängeln” (1995), wie man in 47 Etappen zu Fuß über die Alpen vom Inn bis an den Genfer See gelangt. Doch Wanderungen, die Bauer und Frischknecht empfehlen, werden nie zur Tortur oder gar zur Leistungsprüfung für Sportfanatiker. „Gehen und genießen, nicht gehen und leiden”, das ist es, was die beiden Schweizer den Menschen wieder nahebringen wollen.

Gerne steigen sie aus der Höhe zu alten Badeorten ab. Bei ihnen gehört ein gutes Essen am Abend zum Wandertag. Und ein guter Wein ebenso. Und natürlich das Lesen. Ursula Bauer ist Mediendokumentalistin und Autorin, Jürg Frischknecht Journalist und Dozent. Ihre Routen sind liebevoll ausgetüftelt, führen möglichst über die alten Wege von Bergbauern, Schmugglern oder Auswanderern.  Und  dazu  erzählen sie jeweils die Geschichten. Beispielsweise die aus dem Valle Maira: Im 19. Jahrhundert wurden dort Perücken aus Frauenhaar gefertigt, die an den Adelshöfen Europas sehr begehrt waren. Auch die Haare für die silberweißen Perücken im britischen House of Lords stammten aus dem Piemont.

Im Schweizer Rotpunktverlag sind inzwischen elf Lesewanderbücher von Bauer/Frischknecht erschienen. Außer dem Valle Maira-Buch habe ich mich von verschiedenen anderen ihrer Bücher zu Mehrtages-Wandertouren verleiten lassen. Und es nie bereut. Ich wurde so immer neugieriger auf die Schweizer.  Ende 2009 nahm ich Kontakt auf und habe die beiden in Zürich besucht, wo sie wohnen. Ein Nachmittag haben wir in ihrer Küche zusammengesessen und  geredet: übers Wandern, übers Genießen, über die Schweiz und die Pfalz, über Lesewanderbücher. Die beiden haben einen kritischen Blick auf vieles – auch auf die Übernutzung der Natur, gerade in der Schweiz. Als ich die Wohnung der beiden verließ, wusste ich, ich war gerade zwei wunderbaren Menschen begegnet. Im September 2010 erschien von mir in der RHEINPFALZ am SONNTAG eine ganze Seite über Ursula Bauer und Jürg Frischknecht. Titel: „Die zwei“. (Zur SeiteFrischknecht )

Dieser Tage erreichte mich vom Rotpunktverlag die traurige Nachricht, dass Jürg Frischknecht im Alter von 69 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben ist. Viel zu früh. Was hätte er noch alles erwandern können. Und uns darüber erzählen können. Schon deshalb mochte ich diesen Blogbeitrag nicht in der Vergangenheitsform  schreiben. Er ist einer der profundesten Schweizer Journalistenkollegen.

Seit 2010 gibt es in der RHEINPFALZ von mir die Serie „Die schönsten Picknickplätze der Pfalz“. Als die Idee da war, daraus ein Buch zu machen, ließ ich mich von Bauers/Frischknechts Lesewanderbüchern inspirieren. Zu jeder Picknick-Reportage gibt es in meinem Buch – die Fotos dazu hat die Neustadterin Gabi Himmer gemacht – eine Zusatzgeschichte, die den eher unbekannten Dingen an diesen Plätzen nachspürt: beispielsweise den ältesten Sonnenuhren der Pfalz oder dem tiefsten Punkt der Pfalz. Für mich ist das „Pfälzer Tischleindeckdich“ auf diese Weise ein Lese-Ausflugsbuch geworden. Danke Jürg Frischknecht, Danke Ursula Bauer.

 

 

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