Für Frau M., Herrn R. und auch den Leser P.


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Heute habe ich Doris M. gemailt. Meiner Leserin. Aus Ludwigshafen. „Frohe Weihnachten und bleiben Sie gesund und – bitte – wer Sie sind.“ Doris M. schreibt mir manchmal. Spricht von dem, was ich geschrieben habe und erzählt, was sie darüber denkt. Und von sich erzählt sie.

Schickt Fotos von früher. Mit dem iPad gesendet, steht unter den Mails. Sie ist über 80 Jahre alt. Ich stelle mir vor, wie sie lebt und lebte. Im  langsam verblassenden Bildungsbürgertum. Als junge Frau stand sie mit französischen Philosophen in Briefkontakt. Jetzt schreibt sie mir. Wie sehr sehr schmeichelnd. Sie aber entschuldigt sich oft. Sie wolle mich auf keinen Fall nerven, schreibt sie. Einsamkeit, wie ich vielleicht mutmaße, sei nicht ihr Problem. Die Hüfte eher. Ihre Mails sind Fenster nach draußen.

Manchmal denke ich an Doris M. mitten im Schreiben. Und auch an Herrn P.. Ein Geschichts- und Lateinlehrer aus der Westpfalz. Ein echter Fan, der als Leser Lehrer bleibt. Er beschimpft einen auch gerne außerhalb der Schulordnung. Ich denke, es schmerzt ihn außerordentlich, dass ich nie in seiner Klasse saß, sitze, sitzen werde, gesessen haben werde. Aber mir geht es nicht so.

Einmal erklärt er mir den zwingenden Zusammenhang der Begriffe  staunen und dumm und – wenn ich das richtig verstanden habe – dass er staune, wie dumm ich sei. Details habe ich verdrängt. Einmal schrieb er, ich sei ein literarischer Stammler und Epileptiker. Ich rief ihn an. Wir sprachen kurz über Krankheit und Andersdenken. Er ist Geschichtslehrer. Ich blieb unverstanden.

Von dem einen Mann, der einmal anrief und eine Kollegin fragte, ob ich mich schon umgebracht habe, nach meinem Artikel über die Kölner Möbelmesse zu urteilen, vermute er das doch sehr stark, weiß ich nichts? Aber Aids hätte ich doch sicher, sagte er meiner, seine erste Frage verneinenden Kollegin. Und legte auf.

Herrn R. vermisse ich seit langem, ein distinguierter Pädagoge (Herr P. wie heißt noch einmal, sich ein Beispiel nehmen auf Lateinisch?). Herrn Rs motivlose Postkarten jedenfalls blieben in der Sache hart, aber im Ton freundschaftlich zugewandt. „Herr C., achten Sie doch bitte auf die grammatikalischen Folgen des Demonstrativpronomens“, schrieb er mir und löste inneres Schamrotglühen aus.

Herr R. war für uns als Redaktion eine Institution.  Irgendwann leider blieben seine Schreiben aus. Herr R, ist gestorben, vermutlich. Ich hoffe nicht – an unheilbarem Grammatikkummer. Seine Schrift war schon immer die eines alten Mannes gewesen. Sein Erbe aber trat niemand mehr an. Herrn Rs Wissen ist anscheinend nicht mehr virulent. Bleiben die im Sinne von Herrn P staunenden Kommentare im Internet. Sie sind auch sehr aufschlussreich.

Wer schreibt, weiß nie, wer alles liest, vor allem was aus dem Geschriebenen gelesen wird. Ich sitze also da und habe einmal mehr keine Ahnung. Dann hilft mir eine Vorstellung, die nicht von mir stammt, aber von wem genau, weiß ich auch nicht mehr. Sie geht so. Ein Text ist wie ein Koffer, der unverschlossen auf einem Markplatz abgestellt wird. Jede/r kommt und nimmt sich daraus, was Ihr/ihm gefällt.

 
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Über Markus Clauer

Markus Clauer ist Altredakteur, figuriert aber als Jung-Dynamiker mit dem Titel Kulturreporter im Ressort Kultur und Gesellschaft. Sein erster RHEINPFALZ-Artikel, getippt auf einer Olivetti-Schreibmaschine, ploppte im Mai 1983 in der Pirmasenser Ausgabe der RHEINPFALZ auf und handelte von einem Dorffest in Gersbach, das nicht stattfand. Den Ort kennen auch nur Experten. Seither hat er viel über Literatur, Kunst, Architektur und Design geschrieben, Rubriken erfunden und laborierte ausdauernd am Scheitern. Manche meinen der Dadaismus sei Teil seiner DNS, dabei ist er lediglich in Pirmasens geboren. Das ist der erste Blog an dem er mitwirkt. Möglich, dass er jetzt eine zweite Karriere als Digital-Greis startet. Ein erster Vlog ist also zu erwarten.

Ein Gedanke zu „Für Frau M., Herrn R. und auch den Leser P.

  1. Lydia Hardy

    Hallo Herr Clauer,

    nachdem ich heute ihren Artikel in der Rheinpfalz vom Donnerstag, dem 12.April 2018 über „Kunst oder Kehrwoche“ gelesen habe, der mir übrigens außerordentlich gut gefällt, erlaubte ich mir ihren Namen zu googeln. Da landete ich gleich beim Rheinpfalz Blog. Und las natürlich auch „Herr R. Frau P. etc.

    Schön, das sage ich hiermit. Und nur ein gefällt mir. Und Danke. Macht Freude. Auch wenn ich in meinem Schreibstil vielleicht Füllwörter benutze. Grund zur Kritik kann Mensch ja immer finden. Und jedem kann Mensch es natürlich nicht recht machen.

    Im Blog schreiben bin ich komplett unerfahren. Schreibt Mensch zum Schluss „mit freundlichen Grüßen“? Ach, das kann ich sicher auch googeln.

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