Plattenladen ohne Pille


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Ludwigshafen hatte einmal ein ambitioniertes Folkfestival: die Harlekinade. Geboren 1969 als regionales Musikertreffen im Haus der Jugend mauserte sich die Harlekinade zu einem Mekka für Folkfans in ganz Deutschland. Es muss 1975

Michael Bauers Schallplatte "Mei' Freundin hot die Pill vergeß!" von 1975. Foto: ros

Michael Bauers Schallplatte „Mei‘ Freundin hat die Pill‘ vergeß'“ von 1975. Foto: ros

gewesen sein, als ich die Harlekinade besuchte und im Foyer des Hauses auf einen kleinen, improvisierten Verkaufsstand stieß. Zwei übereinander gestapelte Weinkisten. Ein junger Mann verkaufte dort seine erste Schallplatte. Den Titel werde ich nie vergessen: „Mei’Freundin hat die Pill‘ vergeß‘“. Es war meine erste Begegnung mit dem Pfälzer Mundartdichter Michael Bauer. Damals war er 28 Jahre alt und noch Liedermacher. Ich weiß nicht mehr, wie viel die Schallplatte hätte kosten sollen. Vielleicht 15 Mark. Ich nahm die Platte in die Hand, das Cover zeigt ein von Gertrude Degenhardt gezeichnetes Porträt  Michael Bauers – mit einer Krone aus Weinlaub und Trauben auf dem Kopf. Doch diese bacchantische Idylle trog: Es waren zeitkritische, borstige Texte.  Mehrmals wendete ich die Plattenhülle hin und her. Das Ding reizte mich. Aber ich war damals Student, das Geld war knapp.

So blieb die Platte damals ungekauft. Mehr als einmal hat mich dies geärgert. Vor allem weil auf diesem Album auch jener wunderbare „Fußballspielverzehlschersblues“ ist, in dem Bauer jenen sensationellen 7:4-Sieg des 1. FCK gegen Bayern München vom 20. Oktober 1973 besingt. Ja, den Sieg – nach 1:3 Rückstand!! Jedesmal, wenn im Freundes- und Bekanntenkreis von diesem FCK-Coup  geträumt und geredet wurde, – und das geschieht auch heute noch ziemlich oft – fiel mir prompt Bauers Langspielplatte wieder ein.

Vor ein paar Tagen habe ich Michael Bauer in seinem Haus in Herxheim besucht. Anlass war sein Gedicht „Speyer bei Nacht“, besser bekannt als „Do de Dom“.

Do de Dom
Do de Mond

Du, Dom do:
Do, doi Mond!

Do de Dom
Do de Mond

Du, Mond do:
Do, doi Dom!

Do de Dom
Do de Mond

Und do du.

Das Gedicht war vor 25 Jahren in der RHEINPFALZ erschienen und hatte eine heftige Leserbrief-Debatte ausgelöst. Wochenlang waren es nicht der 1. FCK oder die Politik, die unsere Leser bewegten, sondern ein kleines, elfzeiliges Mundartgedicht. Heute kaum vorstellbar.

Natürlich haben Bauer und ich auch an diesem Tag über seine Liedermacherzeit geredet, die er Ende der 1970er Jahre aufgab. Heute ist der inzwischen 69-Jährige einer der profiliertesten, feinsinnigsten, selbstironischsten Mundartdichter der Pfalz. Die Platte „Mei Freundin hot die Pill vergeß‘“ gibt es leider nur noch antiquarisch zu kaufen – aber wer sucht, findet sicher ein Exemplar (Mir ist dies vor ein paar Jahren gelungen!). Erschienen war die Scheibe damals auf einem Label von Bellaphon, das  später offenbar unter ein anderes Dach kam. Wie auch immer: Die Rechte an Bauern Liedern gehören inzwischen irgendwem – nur nicht Bauer. Eine Wiederveröffentlichung als CD ist deshalb unwahrscheinlich.

Der Poet und der Blueswolf: Michael Bauer (rechts) und Wolfgang Schuster. Aktuell ist Bauer auch wieder mit viel Musik unterwegs. Foto: LM

Der Poet und der Blueswolf: Michael Bauer (rechts) und Wolfgang Schuster. Aktuell ist Bauer auch wieder mit viel Musik unterwegs – hier im April in Neustadt. Foto: LM

In der Samstagausgabe der RHEINPFALZ können Sie in der Wochenend-Beilage nachlesen, warum es vor 25 Jahren einen solchen Aufstand gab, als „Do de Dom“ abgedruckt wurde. Ein Lied von Michael Bauer war an dieser großen „Dodedom-Dischbediererei“ nicht ganz unschuldig. Es heißt der „Schlooftablette-Blues“.

 

2 Gedanken zu „Plattenladen ohne Pille

  1. Michael Kroeher

    Lieber Rolf Schlicher, ein Blick aufs Plattencover hätte zu sprachlicher Präzision und zu inhaltlicher Korrektheit verhelfen koennen. Das famose Erstlingswerk des Michael Bauer heißt „Moi Freundin hAt die Pill‘ vagess“. Wir Hinterpfaelzer (sind Sie nicht auch aus Lautre?) ueberlassen das phonetische Hotten bei diesem Hilfsverb den Ostpfaelzern…..

    Schääna Gruss, de Greamischl

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  2. Rolf SchlicherRolf Schlicher Artikelautor

    Ja, dann ändern wir das doch gleich! Aber zu Hause höre ich mir nachher auf jeden Fall auf der Schallplatte an, was Michael Bauer singt: „hat“ oder „hot“…

    beste Grüße Rolf Schlicher

    Nachtrag einen Tag später:
    Lieber Greamischl – Sie haben völlig Recht: Bauer singt auch „hat“ unn net „hot“!!!

    Antworten

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