Vom Größerwerden – oder: Über Schokolade, Leser und den Weg zum Redakteursberuf


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Ein Abend im September 2008, eine Anwohnerversammlung, für die RHEINPFALZ vor Ort: ich, 19 Jahre alt, erst seit wenigen Monaten freie Mitarbeiterin. Kommt einer der Herren Lokalgrößen auf mich zu, grinst, sagt: „Wenn Sie groß sind, wollen Sie sicher mal Journalistin werden!?“ Den Vortrag darüber, dass „Journalist“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist, sich also jeder so nennen kann, und ich als freie Mitarbeiterin einer großen regionalen Tageszeitung schon drei Mal, und meine Kompetenz bitte nicht an meinem Alter und meinem jungen Aussehen festgemacht werden sollte, und … schluckte ich in meiner Empörung einfach herunter, trollte mich auf meinen Platz und brachte einen ganz beachtlichen Bericht zustande. Habe ihn kürzlich mal wieder nachgelesen.

Kürzlich, das war, als ich als Redakteurin an meinem Schreibtisch in der Lokalredaktion Ludwigshafen saß. Zwischendurch sind viele Jahre vergangen, freie Mitarbeit auch bei anderen Zeitungen, Praktika, Studium, zuletzt zwei Jahre Volontariat bei der RHEINPFALZ. Als Volontär entdeckt man Themen, schreibt darüber, besucht Veranstaltungen, schreibt darüber, gestaltet auch mal Zeitungsseiten. Als Redakteur entdeckt man Themen, schreibt darüber, besucht Veranstaltungen, schreibt darüber, gestaltet Zeitungsseiten. Und dennoch ist nun einiges anders. Man organisiert, steht in engem Kontakt mit freien Mitarbeitern und Fotografen, trifft Entscheidungen darüber, welche Themen ins Blatt sollen. Trägt eine größere Verantwortung.

Und auch der Kontakt zu Ihnen, den Lesern, ist viel intensiver und direkter; alleine deshalb, weil man nun dauerhaft in einer einzigen Redaktion arbeitet. Da gab es etwa die nette Frau, die mir nach einem Artikel über meine Schokoladen-Gelüste eine ganze Tüte dieses Süßkrams vorbei brachte. Da gab es die zwei Flüchtlinge aus dem syrischen Aleppo, die plötzlich vor unserer Redaktionstür standen und mir Rührendes erzählten. Es gab aber auch die Dame, die mich am Telefon über ein Missverständnis und einen Fehler im Text aufklärte. Oder einen Mehrfach-Anrufer, der sein Anliegen partout in der Zeitung unterbringen wollte.  Das alles – und ich sitze erst seit einem Monat auf diesem Platz.

Journalist bin ich immer noch. Vielleicht auch ein bisschen „groß“ geworden. Inzwischen strecke ich meinen Gesprächspartnern die Visitenkarte mit dem Aufdruck „Redakteur“ entgegen. Was bei einigen Menschen für mehr Respekt sorgt. Aber das ist nebensächlich. Für mich steht „Redakteur“ vor allem für all die Erfahrungen, die sich über die Zeit angesammelt haben. Und jeden Tag, wenn das Telefon klingelt, kommt eine neue hinzu.

 

2 Gedanken zu „Vom Größerwerden – oder: Über Schokolade, Leser und den Weg zum Redakteursberuf

    1. Rebekka SambaleRebekka Sambale Artikelautor

      Liebe Frau Müller von Klingspor. Auf der Visitenkarte steht tatsächlich Redakteurin. Habe eben nachgeschaut. Herzliche Grüße.

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