Wie ein Pfälzer Anwalt einen Mannheimer Prozess aufmischt


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Ein guter Advokat „bringt das Auge des Gesetzes zum Weinen“, hat der Schriftsteller Sigbert Latzel einmal behauptet. Wenn das so stimmt, hat der Pfälzer Rechtsanwalt Alexander Klein vor ein paar Tagen in Mannheim richtig gute Arbeit geleistet. Als Verteidiger eines 23-jährigen Ludwigshafeners ließ er einen Polizisten reichlich blamiert dastehen.

Dabei passiert es Beamten regelmäßig, dass sie als Zeugen in Strafverfahren unangenehme Stunden erleben. Schließlich sollen sie dann aus dem Gedächtnis alle möglichen Details hervorkramen. Die Anwälte der Angeklagten blättern derweil eifrig in Akten: Sie lauern darauf, dass die Ermittler irgendwann den Aufzeichnungen widersprechen, die sie Monate zuvor selbst abgeheftet hatten. Oder die Juristen halten den Ordnungshütern vor, zu oberflächlich gearbeitet zu haben. Denn irgendeine vage, von der Polizei nicht weiter beachtete Spur findet sich eigentlich immer. So wie sich am Ende auch immer leicht sagen lässt, was am Anfang hätte anders laufen müssen.

Doch der Polizist im Mannheimer Prozess hat noch ganz andere Angriffsflächen geboten. Dabei gehört der Beamte zur Staatsschutzabteilung, die für die oft besonders heiklen Straftaten mit politischem Hintergrund zuständig ist. In diesem Fall geht es darum, dass drei Islamisten – der Chef der berüchtigten „Lies!“-Kampagne und zwei weitere Koranverteiler – im Sommer 2015 verprügelt wurden. Zeugen haben kurz nach der Attacke in der Mannheimer Innenstadt Fotos gemacht. Sie zeigen unter anderem den Ludwigshafener. Als er später von der Polizei vernommen wurde, soll er sich auf den Bildern ebenso erkannt haben wie einen Gleichaltrigen, der nun zusammen mit ihm angeklagt ist.

Doch im Verhör-Protokoll steht auch, dass der kurdischstämmige junge Mann eisern den Mund gehalten habe. Also fragte Anwalt Klein bohrend nach, wie Schweigen und Wiedererkennen denn bitteschön zusammenpassen. Und der Polizist blieb eine plausible Erklärung schuldig. Ähnlich hilflos wirkte er, als es um einen möglichen Zeugen des Vorfalls ging. Der hatte dem Ermittler am Telefon gesagt, dass er nicht viel mitbekommen habe. Und daraufhin hatte sich der Beamte nicht weiter um den Ladenbesitzer gekümmert. Andere Polizisten allerdings hatten schon in die Akten geschrieben, dass der Mann offensichtlich Angst habe – nicht vor den mutmaßlichen Angreifern, aber vor den angegriffenen Islamisten.

Denen allerdings beschert der Prozess jetzt ohnehin neue Unannehmlichkeiten: Der Chef der „Lies!“-Kampagne, Ibrahim Abou-Nagie, musste im Gerichtssaal sein Handy abgeben, damit die Polizei es auswerten kann – mehr über die Hintergründe steht am Dienstag in der RHEINPFALZ (einen Online-Zugang zum Text haben unsere Digital-Abonnenten). Was auf dem Gerät alles gespeichert ist, dürfte auch Ermittler interessieren, die mit dem Mannheimer Vorfall gar nichts zu tun haben. Dass es beschlagnahmt wird, hatte übrigens ebenfalls Anwalt Klein angeregt. „Wenn es keine schlechten Leute gäbe, gäbe es keine guten Anwälte“, lässt der Schrifsteller Charles Dickens einmal eine Romanfigur sagen.

 

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