Wiener Terrorprozess: A bisserl anders


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Hier geht es auch um einen Anschlagsversuch in Ludwigshafen: das Wiener Landesgericht für Strafsachen. Foto: Hämmelmann

Hübsch bunt treiben sie es in Österreichs Gerichten: An den schwarzen, von breiten Schulterkragen gezierten Roben der Richter schimmern in der Alpenrepublik violette Samtstreifen. Und der Staatsanwalt unterstreicht seine anklagende Rolle mit hellroten Applikationen. Aber eigentlich bin ich ja nicht nach Wien gefahren, um zu entdecken, dass hier die Amtstrachten a bisserl anders sind. Ich bin hier, um mehr über die Anschlagsversuche eines Zwölfjährigen auf den Ludwigshafener Weihnachtsmarkt zu erfahren.

In Deutschland wird wenigstens der Schein gewahrt

In einem spektakulären österreichischen Terrorprozess sitzt der 19-jährige Lorenz K. auf der Anklagebank. Denn er hat den deutsch-irakischen Jungen in Online-Chats zu seinem mörderischen Vorhaben ermutigt. Und selbst über Anschläge nachgedacht, zum Beispiel auf Soldaten in Ramstein. Im von martialisch gerüsteten Justizbeamten geschützten Gerichtssaal merke ich schnell: A bisserl anders sind hier nicht nur die Amtstrachten.

Natürlich ist es auch in Deutschland so, dass Anwälte Medien unter der Hand mit vertraulichen Informationen versorgen. Und natürlich ahnen zumeist alle, wer da so offenherzig war. Und doch bemühen sich in der Bundesrepublik die Beteiligten, wenigstens den Schein zu wahren. In Wien hingegen wundert sich niemand, wenn ein Jurist manche Journalisten vor aller Augen seine Aktenordner durchblättern lässt.

Österreichische Quellen schon vorab angezapft

Improvisierte Redaktion: Arbeitsplatz im Hotel.

Auch ich hatte schon Wochen vor dem Prozessbeginn österreichische Quellen angezapft, um doch noch mehr über das herauszufinden, was sich Ende 2016 in Ludwigshafen zutrug. Schließlich versuchen die deutschen Behörden seither, möglichst wenig über die Anschlagsversuche zu verraten – weil es um internationalen Terrorismus geht. Und um einen Jungen, der zur Tatzeit so jung war, dass er nicht bestraft werden kann.

Die Österreicher hingegen „scheißen sich um gar nichts“, so jedenfalls formuliert es in Wien ein Jurist im Verhandlungspausen-Plausch. Ich allerdings muss trotzdem erst einmal darum kämpfen, dass die bislang so streng geheimen Informationen auch tatsächlich bei mir landen. Denn schließlich regiert ein Prinzip, das hier mit dem Begriff „Freunderl-Wirtschaft“ beschrieben wird.

Die erste Stuhlreihe belagern bekannte Gerichtsreporter

Die erste Stuhlreihe im Gerichtssaal belagern bekannte österreichische Investigativ-Journalisten und Gerichtsreporter, die gar nicht erst laut röhren müssen, um als Platzhirsche anerkannt zu werden. Immerhin: Auch solche Kollegen geben sich manchmal hilfreich. Spätestens, wenn sie ihrerseits jemanden brauchen, der ihnen Fotos vom Ludwigshafener Weihnachtsmarkt vermitteln kann.

Noch mehr Spaß macht der Austausch mit jungen und unprätentiösen Kollegen. Ich lerne zum Beispiel den 27-jährigen Thomas Hoisl kennen. Er hatte vorab im Online-Magazin „Vice“ öffentlich gemacht, dass der Ludwigshafener Junge auch Online-Kontakt zu einem Islamisten hatte, der in Berlin im Gefängnis saß, dort aber ein Handy in seiner Zelle verstecken konnte – eine Recherche, die auch an der Spree für Wirbel sorgte.

Eine gebürtige Niederbayerin erklärt Österreich

Anja Melzer interviewt Lorenz K.’s Verteidiger Wolfgang Blaschitz.

Erklärungen zu allem, was a bisserl anders ist, liefert mir derweil vor allem Anja Melzer. Als interkulturelle Vermittlerin  ist die 28-Jährige besonders geeignet. Schließlich lebt sie schon seit Jahren in Wien, aber sie stammt aus Niederbayern. Und manche österreichische Eigenheit hat sie auch schon für deutsche Medien wie „Spiegel online“ erläutert.

Über den Prozess um einen Wiener Jugendlichen und seine Rolle beim Anschlagsversuch eines Zwölfjährigen in Ludwigshafen schreibt sie für das österreichische Magazin „News„. Es wird die nächste Titelgeschichte.

 

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